Zu viel Liebe. Zu viel Gefühl.

Zu viel Liebe hatte ich in mir, so fühlte es sich an. So viel, dass es mich quälte und ich nicht wusste, wohin damit. So war das jahrelang, während meines ganzen bisherigen Erwachsenenlebens, und es wurde immer deutlicher, je älter ich wurde. Ein toller Job änderte daran nichts, meine Ehe und Freundschaften auch nicht und nicht mal die Geburt meiner Kinder, die ich über alles liebe. Sogar so sehr, dass ich ihr Wohl über meines stelle.

Was viele Nicht-Betroffene nicht verstehen: dabei geht es nicht um Sex. Der hatte mir auch mit Männern gefallen. Nein, es geht um verstanden werden, und zwar teilweise wortlos, ganz selbstverständlich. Um gemeinsam an einem Strang zu ziehen, sich bei Themen wie Feminismus in die gleiche Richtung zu bewegen, anstatt den eigenen Standpunkt permanent gegen den Menschen, der einer doch am nächsten steht, verteidigen zu müssen.

Und dann ist da noch dieses Gefühl, das ich wohl kaum beschreiben kann. Dieses Zuhause-Gefühl in den Armen der anderen. Diese weiche Wärme. Diese Geborgenheit, die wir einander gleichermaßen geben. Nicht MITgemeint, sondern gemeint sein. So ist es für mich. Vielleicht empfinden andere das ja anders.

So wie es jetzt ist fühlte sich für mich vom ersten Moment an richtig an. Ich fand nie etwas dabei und jetzt erst recht nicht, wenn Paare in der Öffentlichkeit händchenhaltend oder küssend zu sehen wären, ob gleichgeschlechtlich oder nicht. Und diesbezüglich fühlt sich das jetzt für mich nicht anders an als früher mit einem Mann. Ich bin da auch ein bisschen stur und lasse mir das Leben meiner Liebe nicht einschränken oder verderben. Wobei ich zugeben muss, dass ich mich in bedrohlich wirkender Umgebung oder Gesellschaft zurückhalte, jedoch nicht im Alltag.

Vielleicht war ich schon immer lesbisch und wusste es nur nicht. Vielleicht war ich und bin ich bisexuell. Oder vielleicht ist meine sexuelle Orientierung so fluide wie die vieler anderer Menschen auch. Wer weiß. Letzten Endes sollte das doch auch gar keine so große Rolle spielen, finde ich. Wichtig sollte sein, dass ein Mensch glücklich sein kann. Wer dieses Gefühl oder die Art der sexuellem Orientierung allein an körperlichem Sex festzumachen versucht, ist ein bemitleidenswerter Ignorant.

Ich jedenfalls bin angekommen. Endlich. Und es fühlt sich rundherum richtig an. Ich wage zu behaupten, dass es so jetzt allen Beteiligten besser geht. Der Exmann ist mit seiner neuen Partnerin anscheinend glücklich, ich bin eine ausgeglichene Mutter, die Kinder lernen verschiedene Lebensentwürfe kennen und haben sehr viele Menschen um sich, die sie lieb haben und die sie unterstützen. Und obendrein hat sich gezeigt, welche zwischenmenschliche Beziehungen Bestand haben und welche nicht.

Win-win.

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