Hochzeitsbasilikum.

Ich wurde gebeten, doch die Geschichte, die hinter unserem Hochzeitsbasilikum steht, einmal näher zu erzählen, und das tue ich hiermit. Ich sage gleich vorweg, dass es eine lange Geschichte ist. Aber zumindest ist sie mitunter ganz unterhaltsam.

Dass wir irgendwann heiraten würden, meine Liebste und ich, das war uns bereits in einem sehr frühen Stadium unserer Beziehung klar. Doch zunächst mussten noch einige Meilensteine genommen werden, wie zum Beispiel meine Scheidung, ein gemeinsamer Alltag in einem gemeinsamen Haushalt und nicht zuletzt meine Scheu davor, mich allzu bald wieder zu binden.

Ende 2017 wurden unsere Gedanken immer konkreter und wir überlegten, wer eingeladen werden sollte, wo diejenigen dann untergebracht werden sollten, die Tagesgestaltung, der Ort der Eheschließung und was eben so alles dazugehört. Folgerichtig verstrickten sich unsere Überlegungen zu „wer verträgt sich mit wem nicht“, „wenn der eingeladen wird, dann sollten auch die“ und „wie organisieren und bezahlen wir den ganzen Spaß“, woraufhin sich unsere Hände in unseren Haaren verknoteten und unsere schreckgeweiteten Augen den Mund der jeweils anderen beim Ausstoß eines heiseren „Aaaaaah!“ beobachten konnten.

Dann dachten wir darüber nach, für wen man sowas eigentlich alles macht. Muss eine Heirat durch die Anwesenheit diverser Personen, teure Rituale und emotionalen sowie terminlichen Druck legitimiert werden, oder geht es nicht eigentlich nur um uns zwei.

In Anbetracht unserer Verhältnisse zu unseren Herkunftsfamilien und unseres ziemlich eingedampften und ansonsten in der ganzen Republik verteilten Freundeskreises kam uns dann im November der Gedanke, ohne Ankündigung, ohne Gäste, TrauzeugInnen und ohne jede Form von Tamtam zu heiraten. Und diese Idee ließ uns nicht mehr los, nein; sie begeisterte uns.

Wir bestellten bei den Standesämtern unserer Geburtsorte die nötigen Unterlagen. Ich war mir noch immer nicht sicher, ob ich so schnell wieder heiraten wollte. Und was würden wohl die Kinder dazu sagen, wenn ich plötzlich anders hieße. Ich glaube, auch die Liebste hatte zeitweise kalte Füße. Wir sprachen offen darüber und beschlossen, dass, wenn eine von uns einen Rückzieher machen würde, wir eben ohne Heiratsurkunde weiter zusammen bleiben würden. Und kurz darauf wurde mir klar, dass ich mit dieser Frau zusammen sein will und dass das an der ganzen Sache ohnehin der wichtigste Aspekt ist.

Die Abschrift aus dem Geburtenregister für meine Partnerin kam innerhalb einer Woche an. Auf meine warteten wir. Und warteten. Und hakten telefonisch nach. Und warteten. Und es stellte sich heraus, dass die Post just zu dieser Zeit Probleme hatte, Briefe zuzustellen. Auch beim zweiten Versuch kam der Schein nicht an. Inzwischen hatten wir im örtlichen Standesamt bereits alles soweit wie möglich klargemacht. Wir hatten uns in den Kopf gesetzt, unbedingt in diesem Jahr noch zu heiraten, wofür es aufgrund der im Dezember stattfindenden Feiertage und des noch bevorstehenden Urlaubs der Standesbeamtin langsam knapp wurde.

Am 14.12. rief ich erneut im Standesamt meiner Geburtsstadt an, um zu fragen, ob ich nicht einfach vorbeikommen könnte, um die Urkunde persönlich abzuholen und ob das sofort ginge. Danach rief ich die Standesbeamtin unseres Wohnortes an und kündigte an, das Papier noch heute zu bringen und wir könnten dann auch endlich einen Termin festlegen. Die Beamtin war einverstanden und schlug, vielleicht nicht ganz ernstgemeint, noch am Telefon den bevorstehenden Nachmittag zum Heiraten vor – und wir sagten zu.

Wir fuhren also los, holten den Wisch, besorgten im Rewe unter anderem einen Topf Basilikum für unser Hochzeitsessen, kauften bei der örtlichen Floristin einen schönen Blumenstrauß und fuhren nach Hause, um uns vorzubereiten. Wir zogen uns um, legten noch etwas Farbe ins Gesicht und fuhren dann zum Standesamt.

Die Standesbeamtin führte uns in das Trauzimmer. Dunkele Holzmöbel vor dunkel getäfelter Wand, den abgewarzten Schreibtisch geschmacklich mit Organzastoff und Teelichtern abgerundet – manche lassen sich in Schlössern trauen, uns reichte der Amtsstubenchic der 80er Jahre, in dem damals schon meine Verwandtschaft geheiratet hatte.

Die Teelichter versagten teilweise ihren Dienst, was bei dem häufigen kurzen Anbrennen während der 33 Trauungen, die dort in diesem Jahr schon stattgefunden hatten, wohl nur folgerichtig war. Wir setzten uns, die Beamtin verschwand unter ihrem Schreibtisch und die Geräusche, die sie dort erzeugte, ließen mich die Hand meiner Braut fester fassen. Die Standesbeamtin tauchte synchron zu dem schleifenden Anlaufgeräusch eines CD-Spielers wieder auf, setzte sich auf ihren Stuhl und eine feierliche Miene auf. Sie faltete bedächtig ihre Hände auf dem Tisch und es schraulte „Liebe ist“, ursprünglich von Nena, hier von ein paar Tenören eingesungen, wenn man das so nennen will. Ich hielt die Hand meiner noch zukünftigen Frau noch fester, unsicher, ob ich lachen oder weinen sollte. Was ich aber auf keinen Fall machen durfte, war, den Fehler zu wiederholen, ihr in die Augen zu sehen. Innerlich rollte ich mich vor Lachen über den Teppich und wünschte mir, der Beamtin vorher mitgeteilt zu haben, dass ihr hier eine durchaus kritische Musikwissenschaftlerin gegenüber saß. Gleichzeitig überkam mich das Gefühl der Einsamkeit. Die Gewissheit, dieses Erlebnis nicht mit meiner Herkunftsfamilie teilen zu können und auch, dass meine beste Freundin nicht anwesend war, stimmte mich kurz traurig. Als die Standesbeamtin nach dem ersten Refrain mit einem geübten Ruck den Stecker des CD-Spielers am Kabel aus der Wand riss, landete ich glücklicherweise wieder in der sanften Komik dieser Situation. Es wurde eine kurze Rede gehalten, vom Blatt abgelesen in einer Geschwindigkeit, der auch ein Gürteltier inhaltlich hätte folgen können und in einer Schriftgröße, die wir über Kopf mitlesen konnten. Leider war ich damit beschäftigt mich zu beherrschen, um eventuelle Ablesefehler nicht zu korrigieren. Der Text war aber ganz schön, so weit ich mich erinnern kann.

Die anwesende Schülerpraktikantin, von der ich gedacht hätte, sie könnte das allein schon aufgrund ihres Alters besser, schoss noch ein paar Fotos und wir fuhren nach Hause.

Dort verwursteten wir das bereits erwähnte Basilikum zu furchtbar leckerem Pesto mit Pasta und speisten genüsslich, während wir auf dem Sofa sitzend eine Folge unserer zu der Zeit aktuellen Serie konsumierten. Es folgte unsere erste Hunderunde als Ehepaar, übrigens das erste gleichgeschlechtliche in dieser Gemeinde seit Öffnung der Ehe kurz zuvor, und ein Stück frisch gekaufter Kuchen abends um halb 7.

Und das war unsere Hochzeit. Wunderschön, konfliktfrei, entspannt und ohne Angehörige, die lieber ihre eigenen Vorstellungen hätten verwirklicht sehen wollen, als dass sie an unser Glück gedacht hätten. So jedenfalls hatte ich die Erfahrung bei meiner ersten Heirat gemacht.

Die Kinder reagierten auf unsere Hochzeit und meinen Namenswechsel übrigens gelassen bis begeistert. Es gefällt ihnen, dass meine Frau jetzt fest zu unserer Famie gehört und wir drei zu ihr.

Und der Basilikum?

Der vegetierte noch ein paar Monate in seinem Blumentopf in der Küche vor sich hin, wurde im Frühjahr mit viel letzter Hoffnung in einen Balkonkasten gesetzt und produziert seither sehr viele riesengroße Blätter, aus denen wir sehr bald wieder unser köstliches Pesto machen werden. Den Hashtag #Hochzeitsbasilikum hat er sich jedenfalls wirklich verdient.

Kommentar verfassen