Schämt Euch.

Blut sei dicker als Wasser, sagtet Ihr, und dass in der Not nur die Familie immer da sei und helfen würde. Dass ich deswegen nicht so viel Wert auf Freunde legen solle, denn die ließen einen im Zweifelsfall immer im Stich.

Und Ihr wart als erste weg, als ich wirklich Hilfe gebraucht hätte. Vor allem moralische Unterstützung. In der schlimmsten und härtesten Zeit meines Lebens war meine Familie nicht da, und wenn doch, dann nur, um mir Dankbarkeit für unerbetene Hilfe und Anpassung an Eure Regeln aufzuzwingen, mich zu beschimpfen, und mir noch mehr schlechte Gefühle zu machen.

Als Ihr mich brauchtet, war ich da. Machte die Übersetzerin für medizinisches Fachchinesisch, überbrachte furchtbare Nachrichten, organisierte den Fahrdienst, hielt Händchen, begleitete den letzten Atemzug. Das war für mich selbstverständlich – und für Euch offenbar auch. Ein Danke kam nie. Kein freundliches Wort, auf das ich mich hätte verlassen können.

Ich werde nicht mal mehr gegrüßt, wenn ich der Verwandtschaft im Dorf begegne und Ihr seid alt, aber nicht erwachsen genug, Euch mir zu stellen und mir vielleicht sogar zuzuhören. Und jetzt werde ich nicht einmal mehr darüber informiert, dass ein Familienmitglied verstorben ist. Sondern sehe es zufällig beim Besuch des Friedhofes meines Heimatdorfes, als ich nach dem Gießen der Blumen einen Streifzug zu den anderen Gräbern mache.

Schämt Euch, dass Euch nur wichtig ist, was Ihr makellos nach außen präsentieren könnt. Schämt Euch, dass Ihr nicht in der Lage seid, nach innen zu sehen. Ihr habt mein Mitgefühl dafür, dass Ihr nicht bedingungslos lieben und Eure Bedürfnisse nur durch emotionale Gewalt zum Ausdruck bringen könnt.

Ihr seid allesamt erbärmliche Charakterversager. Und jetzt seid Ihr halt alle für mich gestorben.

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