Gastbeitrag von Frau Widerspenst

Ich wurde eingeladen, gastzubloggen. Als Eingeladene passe ich mich natürlich den Gepflogenheiten meiner Gastgeberin an, und weil es in diesem Blog um meine Frau geht, schreibe auch ich über meine Frau. Das fällt mir nicht schwer, denn ich finde sie toll.

Ich lernte sie kennen als eine warmherzige, großzügige und fürsorgliche Person, die anderen mit Respekt begegnet, sich selbst hinterfragt und sich bewusst ist, dass ihr Handeln und Sprechen Folgen haben kann. Wie eine Löwin kämpft sie gegen Ungerechtigkeiten – vor allem für andere -, sie stellt sich schwierigen Situationen und redet Klartext.
Sie als Freundin zu haben, das merkte ich sehr bald, ist eine große Bereicherung. Und nun ist sie meine Frau.
Zwei Jahre mögen nicht lang sein, aber sie waren sehr intensiv. Wir haben bereits gemeinsam extreme Situationen durchlebt – positive und negative – und ich habe diverse Facetten ihrer Persönlichkeit kennengelernt. In keiner Sekunde stellte ich meine ersten Eindrücke in Frage, auch wenn ich manches Mal nicht mit dem, was sie tat und sagte, einverstanden war.

Ein ewiges Thema im Leben meiner Frau (und damit auch in meinem) ist ihr Verhältnis zu anderen Menschen. Ich habe den Eindruck, dass sie in dieser Hinsicht ganz besonders viel Pech hat. Immer wieder und an mehreren Fronten muss sie um ihr Ansehen kämpfen. Aber egal, wie viel Mühe sie sich gibt, es scheint nie genug zu sein.
Ich habe dazu zwei Assoziationen:
Zum einen muss ich daran denken, wie ich unserem Hund etwas Neues beibrachte, indem ich den Vertrag zwischen uns einseitig aufkündigte und ihm nicht nur nicht das erwartete Leckerchen gab, sondern ihm auch nicht sagte, was er tun soll. Er begann auszuprobieren, was er tun muss, damit ich endlich wieder die bin, die er kennt. Er wirkte verzweifelt, ich fühlte mich gemein.
Von außen betrachtet scheint meine Frau genauso ratlos zu sein wie der Hund (sie selbst wird das sicherlich etwas anders sehen), mit dem Unterschied, dass ihre Versuche sich bereits Monate bis Jahre bis Jahrzehnte hinziehen, ohne dass sie einen jemals Erfolg erlebt. (Wie ich das so schreibe, fällt mir ein krasses Wort für das Verhalten der Leute ein. Ich nenne es hier nicht, denn ich bin mir nicht sicher, ob es in der Schärfe angemessen ist.)
Die andere Assoziation sind die Cliquenkämpfe zu meiner Schulzeit. Wenn jemand versuchte, von einer Gruppe aufgenommen zu werden, streute ein Mitglied der umworbenen Gruppe unweigerlich der Verdacht, alle Anpassungsversuche seien Täuschungsmanöver und dienten lediglich dem Zweck der Infiltrierung und Zersetzung der Gruppe. Die Person hatte keine Chance.
Auch meine Frau scheint keine Chance zu haben. Ich habe eine Idee, woran das liegt. Die Leute, deren Ansehen sie verloren hat, scheinen, wie die Teenagermädchen damals, nicht ihre Handlungen zu bewerten, sondern ihren Charakter – den sie irgendwann aufgrund welcher Kriterien auch immer für schlecht befunden haben.

Meine Frau erhält viele Ratschläge – meistens ungefragte. Sie alle zielen in die Richtung, dass sie sich frei machen soll, diesen Leuten und ihrer Meinung nicht so viel Wert beimessen soll, dass sie nur mit sich ins Reine kommen muss, damit alles gut wird.
Ich halte diese Ratschläge für Blödsinn. Ja, es ginge ihr bestimmt besser, wenn die, die sie verletzen, ihr egal wären. Ich glaube aber nicht, dass dieses Ziel erreichbar ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es möglich ist, im Innern etwas zu ändern, wenn permanent die Außenhaut angegriffen wird. Dazu wäre absolute Unabhängigkeit von anderen erforderlich – und wenn sie die hätte, gäbe es das Problem nicht.

Ich sage nicht, dass die Leute ihr absichtlich wehtun. Ich glaube aber, es ist ihnen mindestens egal, ob sie ihr weh tun. Und dafür haben sie meine volle Verachtung.

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