Hochs, Tiefs und Tiefs.

Damit ich es im Krankenhaus möglichst gut aushalten kann und es mir bald wieder besser geht, hat meine wundervolle Frau weder Kosten noch Mühen gescheut. Ich bekam Lesestoff gebracht, Unterhaltungselektronik, Kosmetikartikel, bequeme Kleidung, die sie teilweise extra kaufte, denn meine wichtigsten und besten Sachen befinden sich bereits in der Rehaklinik. Meine Liebste kommt mich trotz schwieriger Anfahrt täglich für mehrere Stunden besuchen, bringt gutes Essen mit, Zeichenzeug, etwas zum Naschen und allerlei Dinge, die mir die Zeit hier um einiges angenehmer machen. Sie kümmert sich, fühlt mit, tröstet mich, passt auf mich auf. Sie tut was sie kann und ich habe große Sorge, dass sie sich zu viel abverlangt. Andere Angehörige, die sie und mich gelegentlich unterstützen könnten, gibt es ja nicht.

Und dann diese Station hier mit ihrem Personal. Alles nach der Notaufnahme kann man eigentlich vergessen.

Ich liege seit nun Samstag in einem Dreibettzimmer auf einer kardiologischen Station und alles, was bisher für meine Genesung seitens der Klinik getan wurde, war eine Infusion mit Vomex und zwei oder drei halbe Liter Infusionslösung ohne Wirkstoff. In der Notaufnahme hatte ich Nitrospray bekommen; ein Medikament, das extrem schnell den Blutdruck senkt – und das für Migränepatientinnen kontraindiziert ist, weil es heftige Migräne auslöst. Gegen die Migräne hätte ich ein Standardmedikament bekommen können, auf das ich wiederum mit extrem hohem Blutdruck reagiere und auf das ich daher verzichtete. Alternativen gibt es hier nicht.

In Stresssituationen neige ich zu hohen Drücken und mit Schwindel mit Übelkeit auf einer Liege in der Notaufnahme zu liegen IST Stress.

In meinem Dreibettzimmer wohnen rechts und links von mir zwei alte Damen, die bei allem Verständnis und Mitgefühl sehr anstrengend für mich sind. Ich bekomme keine Ruhe und war gestern den ganzen Tag über auf der Suche nach einem Ort, an dem ich nicht vollgequatscht werde und man meine Bitte, das zu lassen, nicht einfach ignoriert. Selbst mit aufgesetzten Kopfhörern und nach der Ankündigung, ich würde mich jetzt nicht unterhalten können und wolle jetzt Musik hören, werde. Ich. Vollgequatscht.

Die eine flüstert im Schlaf, die andere schnarcht, beide Damen müssen häufig zur Toilette. Und dabei kann ich mich noch nicht mal beschweren: aus mehreren anderen Zimmern der Station dringen Hilfeschreie offenbar verwirrter Menschen an mein Ohr. Unangenehme Gerüche und eine Geräuschkulisse seitens des Personals, die niemandem gut tun kann, die aber entsteht, wenn man aufhört mitzudenken und mitzufühlen.

Und dann war das wohl alles etwas viel gestern und ich bekam eine Schwindelattacke vom Feinsten. Ich konnte weder essen noch trinken, wobei letzteres ganz praktisch war, denn zum WC schaffte ich es eh kaum. Dummerweise lag mein Venenzugang nicht mehr gut und liegt daher jetzt gar nicht mehr. Das verordnete Medikament gegen die Übelkeit gibt es hier angeblich nur als Infusion. Für die man einen Zugang braucht. Den ich nicht mehr habe. Den ein Arzt neu legen muss. Auf den ich seit gestern Abend um 19:30 Uhr warte.

Kardiologie, das ist die Lehre vom Herzen. Deswegen liege ich hier, weil ich bei Aufnahme sehr hohen Blutdruck hatte. Und niemand kommt auf die Idee, meinen Blutdruck zu kontrollieren, wenn es mir so schlecht geht und ich mit Schüttelfrost im Bett vor mich hin vegetiere.

Angeblich arbeitet hier Sonntags um halb 8 Abends nur ein Arzt in der ganzen Klinik. Also Innere und Kardio, Gynäkologie und Geburtshilfe, Chirurgie, Notaufnahme und wasweißich.

Aber man bot mir großzügig an, ich könne doch jetzt das Migränemedikament nehmen, das mir meine Frau von zuhause mitgebracht hatte. Nur hatte ich glücklicherweise keine Migräne. Na, dann eben Ibuprofen, das sei als Bedarfsmedikament verordnet. Nur hatte ich keine Schmerzen, die das nötig machen würden.

Tja, wenn ich das nicht WOLLE, dann müsse ich halt warten, bis der Arzt Zeit hat. Irgendwann.

Und ja, ich sehe durchaus, dass es andere Dinge gibt, die wichtiger sein könnten als meine Schwindelattacke. Lebensbedrohliches, oder starke Schmerzen, Ängste, pipapo. Aber ich hätte mir durchaus gewünscht, dass IRGENDWANN innerhalb der letzten 12 Stunden mal jemand meinen Blutdruck kontrolliert. AUF DER KARDIOLOGIE! Oder, dass man mir eine Kotztüte brächte. Oder auf einer anderen Station um ein Dragee Vomex bittet, wenn man sowas hier nicht hat. Oder mal zwischendurch nach mir schaut und fragt, ob ich etwas brauche.

Meine Güte, was habe ich damals für meine PatientInnen alles möglich gemacht, damit es ihnen besser ging. Und zwar GERADE dann, wenn die Möglichkeiten aus diversen Gründen eingeschränkt waren. Hier jedoch ist das Personal bereits überfordert, wenn es darum geht, mal ein warmes Wort zu sprechen, ein wenig Verständnis wenigstens vorzugaukeln.

Heute steht noch einiges an Diagnostik an. MRT, Herzecho und so. Und danach möchte ich entweder in die nächstgelegene HNO-Klinik verlegt werden, in der ich übrigens mal ein paar Jahre gearbeitet habe und weswegen ich mich mit solchen Dingen ganz gut auskenne. Oder nach Hause. Zu meiner Frau. Die sich vermutlich gerade so hilflos fühlt wie ich.

Und die ich über alles liebe.

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