Vertrauen. Mut. Risiko. Scheitern.

Man kann einer Person Vertrauen schenken, weil sie ähnliche Gene hat. Oder weil sie angibt, einer bestimmten Berufsgruppe anzugehören. Vielleicht vertraut man, weil jemand mehrere tausend FollowerInnen auf Twitter oder soundsoviele "Freunde" auf Facebook hat. Man könnte jemandem vertrauen, weil man den Arbeitgeber oder den Beruf dieser Person für seriös hält und diese Annahme auf die Person überträgt. Oder weil man sich mehrfach zum Kennenlernen, beispielsweise beim Frühstück, traf und sich nett fand. Man kann jemandem vertrauen, weil man miteinander verheiratet ist. Oder weil jemand in großer Not Hilfe anbot. Man vertraut wegen einiger Gemeinsamkeiten in der Lebensgeschichte. Wegen einer gleichen Erkrankung. Vielleicht vertraut man jemandem aufgrund der ähnlichen Herkunft.

 

Wenn man vertraut, heiratet man vielleicht. Man schaut bei miteinander geschlossenen Verträgen eventuell nicht ganz so genau hin oder vereinbart Dinge nur mündlich. Oder man läd eine Person, die man noch nie persönlich traf, zum Übernachten auf dem eigenen Sofa ein und öffnet damit seine Privatsphäre. Man bewertet Eigenschaften anders, gibt kleinen Unstimmigkeiten weniger Gewicht. Man bittet jemanden um Rat oder schüttet sich das Herz aus und liefert sich damit der Gefahr aus, dass Details später gegen eineN genutzt werden. Man bittet bei Konflikten um ein klärendes Gespräch und zeigt damit, dass einem etwas an der Person liegt. (Fataler Fehler.)

Die vertrauende Person macht sich verletzbar; verletzbarer als diejenige, die nur eine Rolle spielt. Die Person geht mit steigender Anzahl der Menschen, denen sie vertraut, ein größerwerdendes Risiko ein, später verletzt, einsam, diskreditiert zu werden und selbst vertrauensunwürdig zu erscheinen. Die Person geht das Risiko ein, sich und ihr Verhalten zu verändern bzw. verändern zu müssen.
 
Dann wird man mit hoher Wahrscheinlichkeit verletzt. Vielleicht wird man bloßgestellt. Man fühlt sich eventuell ausgeliefert, wird einsam, fühlt sich naiv, macht sich Vorwürfe. Man zieht bewusst oder unbewusst Konsequenzen.
Zu vertrauen fällt dann schwerer. Das betrifft sowohl das Vertrauen in andere Personen als auch in das eigene Urteilsvermögen. Vielleicht zieht man sich zurück, wird wählerischer, investiert nicht mehr so viel in zwischenmenschliche Beziehungen. Sympathie allein reicht nicht mehr, um zu vertrauen. Ebensowenig die meisten anderen der im ersten Absatz genannten Punkte. Vielleicht beschäftigt man sich mehr mit sich selbst, um für sich einen anderen Weg zu finden, mit (fehlendem) Vertrauen und dem ganzen Drum und Dran umzugehen.

Als Resultat dieser Veränderung finden andere die Person seltsam, empfinden sie vielleicht als distanziert. Wahrscheinlich fällt es der Person schwerer, vorhandene Kontakte weiter zu pflegen und neue Kontakte zu knüpfen. Im Zweifelsfall spricht man halt nicht über sich oder seine eigenen Gedanken. Man stößt vielleicht Leute vor den Kopf. Einige werden möglicherweise empfindlicher. Leicht wird Misstrauen erregt.
Wenn Vertrauen mehrmals in kurzer Zeit verletzt wird, zerbrechen möglicherweise Beziehungen. Sowohl mehrere Jahre alte als auch frische. Außenstehende bekommen eventuell den Eindruck, man sei halt ein schwieriger Mensch, der andere Menschen nicht halten kann, abschreckt, verletzt, unschön behandelt, ausnutzt oder deren Vertrauen missbraucht. Schnell wird Schuld unterstellt; an Zufälle glaubt man irgendwann vielleicht nicht mehr.

Wer keine oder wenig Freunde hat, keine Familie im Rücken (außer, wenn sie ihm oder ihr in selbigen fällt), der muss ein furchtbarer Mensch sein. Der ist dann selbst schuld. Der soll sich dann nicht beklagen.

Was soll dieser Text?

Vor allem will ich mit diesem Text für mich einiges sortiert kriegen. Vielleicht regt er aber auch andere an, über sich und ihr Verhältnis zum Vertrauen nachzudenken. Vielleicht sogar denkt jemand darüber nach, warum der oder die Andere seltsam, verschlossen, distanziert ist, weniger als bisher von sich preisgibt, sich zurückzieht, warum sie oder er empfindlich ist, warum er oder sie keinen Kontakt zur Familie und nur sehr wenige Freunde hat.

Bei einer Sache bin ich mir sicher: sowas passiert. Es gibt Phasen im Leben, in denen man einfach mehr Pech hat als in anderen. Pech, den falschen Leuten zu vertrauen. Das Pech, selbst nicht immer einwandfrei zu handeln, Fehler zu machen. Das Pech, dass die eigenen Fehler mehr zu wiegen scheinen als die der anderen und die eigenen guten Seiten weniger. Das Pech, eine Phase eigener Instabilität zu durchleben, in der man mehr denn je auf andere angewiesen ist.

Das Schlimmste, was passieren kann, ist vielleicht, sich selbst nicht mehr vertrauen zu können. Dem eigenen Urteil, dem eigenen Bauchgefühl. Denn das kann eine Spirale auslösen, die sich immer weiter nach unten dreht. Ausbrechen kann man nur, wenn man den Mut dafür aufbringt. Wenn man bereit ist, wieder Risiken einzugehen.

Das kann auf Außenstehende wie Naivität oder Dummheit aussehen (für die betroffene Person übrigens auch). Wenn man genau hinsieht, sind es aber Eigenschaften wie Mut, Stärke, die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, ein gewisser Optimismus.

Und ja, wer Risiken eingeht, kann hin und wieder scheitern. Wer aber Risiken generell vermeidet, scheitert am Leben. Und den eigenen Gefühlen zu folgen, anstatt sich von äußeren Ansprüchen kaputtmachen zu lassen; sich und sein Leben zu hinterfragen, spätestens, wenn es einem nicht gut geht, das ist riskant.
Das ist das Leben.

Kommentar verfassen