Schuld und Not. 

Man kann unverschuldet in Not geraten. Zum Beispiel in finanzielle Not oder in Wohnungsnot, in lebensgefährdende Not. In freundschaftliche, zwischenmenschliche Not aber, so scheint mir, kommt man nur selbstverschuldet. Und was das Verständnis oder die Hilfsbereitschaft angeht, scheint das einen Unterschied zu machen.

 

Unverschuldete Not. Das „unverschuldet“ ist offenbar wichtig, wenn man Hilfe braucht. Es fällt leichter, Mitgefühl zu haben, wenn jemand rein überhaupt gar nichts dafür kann, was ihm passiert ist. Dann helfen viele mit Sach- oder Geldspenden, mit Zeit oder Rat und Tat oder mit einem offenen Ohr, und wer das nicht kann oder will, hat zumindest ein freundliches Wort übrig.

Und es gibt da auch noch diese Grauzone, wo die subjektive Grenze zwischen Schuld und Unschuld einfach „Sympathie“ heißt.

Ich denke, dass man auf viele Arten einfach Pech haben kann.
Man kann im Straßenverkehr einem Falschfahrer begegnen und aufgrund dessen in einen Graben rutschen. Man kann wegen eines technischen Defekts an einem Küchengerät seine Wohnung bei einem Brand verlieren. Man kann seine Geldbörse beim Einkaufen verlieren, wegen eines platten Reifens zu spät zur Arbeit kommen. Man kann eine zeitlang einfach überdimensional vielen Arschlöchern begegnen. Und man hätte vieles davon vielleicht verhindern können, wenn man dieses oder jenes anders gemacht hätte.

Wenn jemandem auf einen Schlag mehrere verschiedene zwischenmenschliche Beziehungen kaputtgehen, wird schnell unterstellt, er sei dann eben selbst schuld. Irgendwas muss mit dem dann ja nicht stimmen, sonst wäre das ja nicht passiert. Vielleicht ist er hinterhältig, manipulativ, egozentrisch, ein ewiger Nörgler, unehrlich oder hat auf irgendeine Art richtig Scheiße gebaut. Natürlich mit Absicht. Hilfe in welcher Form auch immer hat er somit nicht verdient. Soll er mal zusehen, wie er klarkommt.

Einem „guten Menschen“ dürfte im Umkehrschluss dann ja nie so etwas passieren, jedenfalls nicht geballt.

Nun, ich halte mich für einen durchschnittlich guten Menschen.
Ich bemühe mich, niemanden zu verletzen, niemandem zu nahe zu treten, zuverlässig zu sein, verantwortungsbewusst, ehrlich, fair, selbstkritisch. Ich wünsche niemandem etwas Schlechtes, tue niemandem weh, bin grundsätzlich hilfsbereit, bin potentielle Organspenderin, quäle keine Tiere, stehle nicht, betrüge nicht, lüge nicht, kann Fehler eingestehen, versuche stets, mich zu verbessern.
Und dennoch mache ich Fehler. Selbstverständlich. Man zeige mir einen Menschen, der niemals einen Fehler macht.
Ein wenig Unachtsamkeit, aufgestaute Emotionen, Gedankenlosigkeit, und zack.

Einen ganz bestimmten Fehler machen wir alle wohl zu oft: wir vergessen, dass man den Menschen nicht in den Kopf hineingucken kann und urteilen ungehemmt drauf los. Einige von uns schließen sich mühelos einem Urteil an, das ein anderer Mensch bereits über eine Person gefällt hat. Und wenn so ein Urteil erstmal besteht, gibt es auch keine Chance mehr, es zu revidieren.

Seien wir vorsichtig damit. Denn ein Urteil, das wir über andere fällen und die Art und Weise, wie wir zu diesem Urteil gelangen, können eine Menge über uns selbst aussagen. Ob unverschuldet oder nicht – dies zu beurteilen steht uns weder zu noch haben wir mit Sicherheit alle Informationen über jede Einzelheit. Weil es uns nichts angeht. Weil es etwas mit Menschenwürde zu tun hat, nicht jedem Individuum Rechenschaft über Privatestes schuldig zu sein.

Und so gehen dann halt auch mal eine Menge Beziehungen in kurzer Zeit kaputt. Wenn man so nicht mehr kann. Wenn man so nicht mehr will. Wenn man so viel mehr will. Wenn man eben nicht bereit ist, Intimstes mitzuteilen. Oder weil jemand komplexe Situationen und Gefühle weder kennt noch versteht. Wenn man nicht bereit ist, für vermeintliche Hilfe, die man in dieser Form nicht benötigt, vor jemandem im Staub zu kriechen. Wenn man sich seine Vorstellung vom eigenen Leben nicht von anderen diktieren lassen will. Wenn man sich weiterentwickelt, wo andere keinen Entwicklungsbedarf zu haben glauben. Wenn man mal nicht so stark ist, wie andere einen gerne sehen.  Wenn das eigene Leben kriselt und man eine Zeit lang weder Kraft noch Muße hat, sich auch noch mit den Leben anderer zu beschäftigen.

Dann gehen Beziehungen kaputt, haufenweise, in kürzester Zeit.

Been there. Done that.

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