Wechselbad Twitter. 

Twitter ist für mich oft eine Bereicherung, aber auch eine Herausforderung, sowohl auf intellektueller als auch auf sozialer Ebene. Es fordert mich heraus in Empathie, Diplomatie, Rhetorik, Selbstbeherrschung in dem, was ich lese, in dem, was ich veröffentliche und vor allem dem, was ich NICHT veröffentliche.

In all dem bin ich mal mehr und mal weniger erfolgreich. Momentan bin ich nicht wirklich gut. Besonders das oft geforderte dicke Fell, das man sich angeblich je nach Bedarf einfach mal zulegen kann, lässt zu wünschen übrig. Ich bin dünnhäutig, kann besser austeilen als einstecken. Meine Gefühle überrumpeln mich, ich mache meiner Wut, meiner Enttäuschung, aber auch meiner Zuneigung und Liebe immer öfter und oft zu radikal Luft. Ich erlebe gelegentlich die negative Seite meiner Impulsivität und meine eigene Doppelmoral. Das gefällt mir an mir nicht. Ich will das ändern. Unter anderem aus diesen Gründen überlege ich immer öfter, mein Nutzungsverhalten zu ändern oder – da das leichter gesagt als getan ist – Twitter zu verlassen.

Ich war schon ein paar Mal weg, habe pausiert.

Ein Mal, das war vor ein paar Jahren, als der unruhige bis nicht vorhandene Schlaf meines Kindes mir unfassbar zu schaffen machte und ich mich darüber regelmäßig auf Twitter ausheulte. Sie war eine Twitter-Bekanntschaft und ich hatte das Gefühl, wir wären dabei, uns anzufreunden. Ich lud sie zu uns ein, wir unternahmen etwas, tranken ein Glas Wein, unterhielten uns nett und sie schlief auf dem Sofa. Sie lud mich für irgendwann mal ein, sie und ihre Familie zuhause zu besuchen und es war alles ganz schön. Wenig später kritisierte sie mich für einige meiner Tweets. Vielleicht zu Recht. Sie merkte an, irgendwann könne mein Kind vielleicht meine Tweets lesen und mein Gejammer über durchwachte Nächte könne es dann verletzen. Ich nahm mir ihre Kritik zu Herzen und die Zeit, meine Twitternutzung zu überdenken. Zu diesem Zweck deaktivierte ich den Account, weil während der Inaktivität Tweets weder gelesen, noch retweetet, kommentiert oder sonstwas werden können. Und aus irgendeinem Grund war das ihrer Ansicht nach wohl falsch.

Mir wurde vorgeworfen, ich würde aus einer Mücke einen Elefanten machen. Ich würde um Aufmerksamkeit heischen, indem ich den Account deaktivierte und ichweißnichtwasnochalles.
Die Bekannte fühlte sich anscheinend von meiner Reaktion auf ihre Kritik angegriffen, griff mich zurück an, blockierte mich und hetzte über mich. Meine Versuche, mit ihr ein klärendes Gespräch zu führen, wurden als Belästigung bezeichnet und mir wurde jede weitere Kontaktaufnahme verboten. Noch heute taucht sie jedes Mal in den Favs von Tweets auf, in denen ich kritisiert werde oder in denen klar wird, dass jemand mich nicht mag oder findet, ich hätte etwas falsch gemacht. Offenbar hat sie also im Gegensatz zu mir noch immer nicht damit abgeschlossen.

Ich habe gelernt: den Account für eine Weile zu deaktivieren, sorgt für Spott, Hohn, Unverständnis und Angriffe. Es wird als Aufmerksamkeitsheischerei gedeutet, weil der Account als gelöscht erscheint und den  FollowerInnen als entfolgt angezeigt wird. Einige forschen nach, manche sorgen sich, ein paar vermissen sogar kurz.

Eine Pause anzukündigen und den Account nicht zu deaktivieren, das sorgt für mindestens ebenso viel Hohn und Spott. Es wird gelästert, man würde – ratet mal – um Aufmerksamkeit buhlen. Man würde sich in den Bemühungen derer sonnen, die eine zum Bleiben ermuntern.

Einfach weg zu bleiben und den Account geöffnet zu lassen, das liegt mir so wenig wie Beziehungen jeder Art einfach ohne klärendes Wort abzubrechen. Die Versuchung ist groß, vereinzelt mal wieder etwas zu twittern, zu lesen, zu reagieren – und ich kenne mich inzwischen. Es fällt mir schwer, maßvoll zu twittern.

Gestern führte ich eine sehr friedliche Diskussion mit einer anderen Nutzerin. Zuerst öffentlich, später noch per DM. Es lief nichts aus dem Ruder, keine von uns war aggressiv, wir versuchten einfach nur, der jeweils anderen unseren Standpunkt verständlich zu machen. Ich nutze solche Diskussionen gern zur eigenen Meinungsbildung. Manchmal bin ich mir nämlich auch nicht zu 100% sicher, was ich worüber denken will. Knapp 50 Minuten nach meiner letzten Wortmeldung zum Thema bekam ich von einer dritten Person eine DM, ich solle es jetzt mal gut sein lassen.
Gut sein lassen? Aufhören zu diskutieren, weil ich eine andere Meinung habe als andere? Soll hier eine beschützt werden, die in dieser Diskussion sehr gut selbst für sich sorgen konnte? Sollte mir hier ein Maulkorb verpasst werden, obwohl ich gar nicht zu beißen drohte? Ich habe keine Ahnung, was das sollte, zumal die Diskussion tatsächlich längst beendet war. Ich empfand das als grenzüberschreiende, arrogante Frechheit und war kurzzeitig so sauer, dass ich entfolgte.

Momentan habe ich das Gefühl, dass Twitter extrem auf persönliche Ebenen abdriftet. Ist man mal unterschiedlicher Meinung, wird direkt entfolgt, blockiert, ohne @ aber teilweise mit Nennung des Twitternamens gelästert. Es sollen Leute aufgebracht werden, es wird sich auf allen Seiten solidarisiert. Jeder vermeintliche Fehler, jede scheinbare Schwäche wird aufgeblasen, Ironie (vielleicht) absichtlich nicht als solche erkannt und zum Untermauern der eigenen Meinung genutzt, um dann im Bewusstsein der eigenen Überlegenheit weiter zu lästern, obwohl die Sache bei der/dem anderen NutzerIn längst erledigt ist. Man spricht sich in der Bio und in Tweets gegen Feuer aus, während man woanders zündelt.

Und manchmal bin ich genau so.

Ich mache beim Twittern einige Fehler und ich bin wirklich nicht stolz darauf. Auch ich habe schon gestänkert, provoziert, ohne @ (aber dann auch ohne Namen) etwas über jemanden geschrieben. Ich habe Screenshots mit meiner Ansicht nach lustigen, blöden, sich widersprechenden … Tweets getwittert, mich dann geschämt und alles gelöscht. Ich bin ausgerastet, habe Nazis beleidigt. Ich schoss über das Ziel hinaus, retweetete versehentlich falsche Nachrichten, weil ich sie zuvor nicht geprüft hatte, ich blockierte Leute, deren Meinung ich nicht teilte, weil ich den Mist nicht mehr lesen wollte und und und.
Oft habe ich es eingesehen und, sofern ich die Chance bekam, um Entschuldigung gebeten. Manchmal entstanden daraus sogar neue Followings.

Insgesamt stelle ich fest, dass ich mich zu schnell zu sehr aufrege. Über dumme Sprüche, über Nachrichten, über andere Meinungen. Mit persönlichen Angriffen kann ich im Moment besonders schlecht umgehen und während ich das hier zugebe rechne ich damit, dass jemand genau das aufgreifen und mich damit angreifen wollen wird.

Warum twittere ich überhaupt noch?

Zum Einen macht es mir Spaß. Zum Zweiten finde ich mehr interessante und vielseitigere Informationen als Offline. Zum Dritten hat sich da nach 7 Jahren eine gewisse Gewohnheit im Denken breit gemacht: ich erlebe oder sehe etwas Interessantes oder Lustiges und überlege direkt, wie ich einen Tweet daraus machen kann. Sie kennen das.
Und dann sind da noch meine persönlichen Lebensumstände. Einer hat das Haus, die Kinder, alle Freunde und beide Familien. Und ich habe halt einige Menschen auf Twitter. Ich bin viel allein, bin krank, oft eingeschränkt in meinen möglichen Aktivitäten. Ich habe Zeit und wenige mögliche GesprächspartnerInnen. Irgendwo müssen die Gedanken hin.

Aber es ist nicht gut. Ich weiß, dass Leute mitlesen, die das nichts angeht oder die mir nicht wohlgesonnen sind. Trolle, die sich aus meiner Verletzbarkeit einen Spaß machen. Menschen, die ich verletzen könnte, die sich bloßgestellt fühlen könnten, wenn sie etwas über sich lesen. Und es tut mir nicht gut, permanent Zugriff auf so viele Informationen über unsere kaputte Welt, die doch aber so wunderschön sein kann, zu haben.

Twitter ist mein Wechselbad. Es ist schwierig, die Temperatur zu beeinflussen und das nicht Beeinflussbare auszuhalten. Also steige ich hin und wieder aus. Vielleicht irgendwann auch endgültig. Und jetzt, nachdem ich das hier geschrieben habe, ist mir auch egal, wie Fremde darüber denken. Nur diejenigen, die sich nicht fremd anfühlen. Die wissen jetzt Bescheid. Und das ist gut so.

Kommentar verfassen