26 Jahre. Sechsundzwanzig.

26 Jahre Schmerzen.

Immer heftiger, an immer mehr Stellen, das Leben immer mehr einschränkend.

 

26 Jahre Arztsuche.

Von einer ÄrztIn zur Anderen, jedes Mal neue, andere Diagnosen.

 

26 Jahre Entwürdigung.

Tolle Tipps wie „einfach 30 kg abnehmen, Sport³, Psychotherapie, Arbeit“, die die eigene Schuld implizieren. Oder: „Wenn Sie [beliebige Therapie einfügen] nicht wollen, kann´s ja so schlimm nicht sein.“

 

26 Jahre abgestempelt.

Als um Aufmerksamkeit bettelndes Kind/ Jugendliche/ gelangweilte Frau, die keine Lust hat zu arbeiten. Als Hypochonder, die unglücklicherweise keine war, aus der Arztpraxis geworfen.

 

26 Jahre immer weniger Kraft.

Immer mehr Anstrengung mit immer weniger Resultat. Immer wieder der Vorwurf, faul zu sein. Soziale Isolation, weil ich für viele Unternehmungen nicht genug Kraft habe.

 

26 Jahre der falsche Weg.

Falscher Schulabschluss, absolut falscher Beruf. Sich immer klein fühlen durch finanzielle Abhängigkeit und die Hoffnung auf Verständnis für geringeres Leistungsvermögen.

 

26 Jahre falsche Behandlung.

Sofern denn überhaupt eine stattfand. Stattdessen alleinige Verantwortung.

 

Und jetzt?

Endlich eine Diagnose!

 

Eine, die schon vor 15 Jahren mal im Raum stand, die aber in meinem Alter niemand für möglich hielt. Eine, die das alles erklärt. Und noch eine gratis dazu. Yay.

 

Chronifizierte Schmerzen, die nicht sein müssten, hätte man mich irgendwann mal ernstgenommen. Dagegen hilft wohl kein Medikament mehr.

 

Berufliche Sackgasse. Finanzieller Ruin. Zu erwartende Altersarmut.

 

Eine Liste mit Medikamenten, die ich nicht mehr vertrage und die teilweise lebensbedrohlich wirken.

 

Beinahe kompletter Vertrauensverlust gegenüber ÄrztInnen.

 

Starke emotionale Verletzungen durch Vorwürfe, die mir ungerechtfertigt immer wieder gemacht wurden und die heute mein Verhalten beeinflussen. Die verursachen, dass ich mich klein fühle und mich immer wieder übernehme.

 

Wut gegenüber Menschen, die sowohl für die Vorwürfe als auch die Nichtbehandlung mindestens mitverantwortlich waren.

 

 

Aber auch:

 

 

Erleichterung darüber, dass ich in absehbarer Zeit endlich behandelt werden kann.

 

Hoffnung, dass ich irgendwann zumindest irgendwas wieder arbeiten können werde.

 

Das Wissen, dass ich mein Körpergefühl ernstnehmen kann, auch wenn es niemand anders tut. Ich spüre nämlich oft ganz genau, was ich habe.

 

Eine Art Genugtuung. Ich hatte Recht. 26 Jahre lang hatte ich Recht. Ich habe mir nichts eingebildet, mich nicht vor der Arbeit gedrückt, mich nicht zu wichtig genommen.

 

Erstmal klarkommen müssen mit all den Gefühlen und Gedanken. Mit der Vergangenheit für die Zukunft. Die Gegenwart akzeptieren. Das Beste draus machen. Und auch hin und wieder mal eine Runde heulen.

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