Unsichtbar 

Ich gehe durch meine neue, alte Heimat, in der ich mich während der letzten etwa 25 Jahre kaum aufgehalten habe, und bin mir der Tatsache bewusst, dass ich jederzeit einem bekannten Gesicht begegnen könnte. Einem Mitglied meiner Herkunftsfamilie oder einer früheren Mitschülerin zum Beispiel. 

Ich bewege mich dort, wo ich die letzten 15 Jahre gelebt habe und wo es viel wahrscheinlicher wäre, jemanden zu treffen, und rechne nicht damit. 

Weil ich unsichtbar bin. 

Früher war ich unsichtbar, quasi gesichtslos, weil ich nicht richtig in meinem Leben war. Jetzt bin ich unsichtbar, weil ich in meinem richtigen Leben noch fremd bin. 

In der neuen Umgebung bin ich unsichtbar, weil wir uns voneinander losgesagt haben. Weil ich nicht wichtig genug war, als dass man mit meiner Veränderung hätte klarkommen wollen. Und aus anderen Gründen. 

In der alten, weil ich niemandem wichtig bin. Weil man meinte, sich zwischen ihm und mir entscheiden zu müssen. 

In beiden Fällen wohl, weil man Verantwortung und Schuld verorten musste. 

Ich bin unsichtbar. Bedeutet aber auch: ich bin frei. 

Zwei Seiten der gleichen Medaille. 

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