Mein Leben. Mein Twitter. 

Mir ist seit einiger Zeit bekannt, dass ich auf Twitter und hier sehr genau beobachtet werde und mir Dinge, die ich teile, ins „echte Leben“ nachgetragen werden. Ich werde dann dort darauf angesprochen, was ich hier schreibe und – ja, ich muss zugeben, dass ich im Internet Dampf ablasse, den ich woanders nicht loswerde. Das kann man durchaus kritisieren. Ich habe mehrfach versucht, das zu lassen und es hat immer mal für eine Weile geklappt. Natürlich habe ich auch Positives über die betroffenen Menschen geschrieben, das jedoch findet seinen Weg erstaunlicherweise nie durch´s Real Life hindurch zu mir. Es scheint mir, als würde regelrecht darauf gewartet, dass ich wieder mal einen Fehler mache.

Fehler?

Für mich fühlt es sich an wie eine Notlösung.

Ich habe nämlich einfach sonst niemanden, mit dem ich darüber sprechen könnte, was mich bewegt. Natürlich ist da die Stadtfrau, aber die hat vielleicht auch irgendwann einfach mal genug davon, hat schon alles gesagt, was ihr dazu einfällt und mich weiterbringen könnte und ich bräuchte mal eine weitere Meinung. Vielleicht von jemandem, der mich bereits länger kennt, der eine andere Sicht auf die Dinge hat und eventuell sogar die Menschen kennt, um die es mir geht. Doch so jemanden gibt es nicht.

Mein Noch-Ehemann fragte mich vor ein paar Tagen verärgert, warum ich nicht mit ihm reden würde, anstatt zu twittern. Ich habe während unserer Ehe oft die Erfahrung gemacht, dass er genervt die Augen verdrehte, wenn ich etwas mit ihm besprechen wollte. Das antwortete ich ihm also auf seine Frage hin und er bestätigte das. Meine Themen seien eben Kleinigkeiten gewesen, sagte er. Und das habe ich damals auch so gefühlt. Nervige, unwichtige Kleinigkeiten. Meine Probleme. Meine Sorgen. Zum Schluss auch unsere Ehe. Und ich auch. Ich habe mir abgewöhnt, mit ihm sprechen zu wollen. Stattdessen schütte ich mein Herz auf Twitter aus. Ohne seinen oder meinen Namen oder sonstige Daten zu nennen, übrigens.

Meine Familie hat mich verurteilt und im Stich gelassen. Seit man mich dann noch zum widerholten Mal beschimpfte und mir mit einer Anwältin drohte, wenn ich nicht damit aufhören würde, über meine Kindheit und meine Gefühle zu bloggen und zu twittern, bin ich nicht mehr Willens, mit diesen Menschen Kontakt zu haben. Freunden meines Noch-Mannes stand ich nie besonders nah und selbstredend sind sie weiterhin SEINE Freunde. Gemeinsame Freunde wendeten sich von mir ab. Seine Familie ist und bleibt SEINE Familie, ich bin da naturgemäß raus. Normalerweise halten Familien nämlich zusammen. Also, andere.
Meine Vermieter und ehemalige sogenannte Freunde sind nicht damit einverstanden, wie ich mein Leben lebe, welche Entscheidungen ich treffe und dass ich nicht bis ins Intimste Bericht erstattete. Das sagten sie mir beinahe wörtlich. Sie sorgen nun aktiv dafür, dass ich demnächst sehr froh sein werde, die noch recht frisch renovierte Wohnung verlassen zu können.
Mein Leben hat sich komplett geändert und NEIN, das habe ich mir so nicht ausgesucht. Und ich bin sicher nicht fehlerfrei, aber ich gab den Menschen keinen Anlass, aus einer angeblichen Freundschaft heraus und ohne, dass von ihnen aus irgendein Schritt auf mich zu gemacht oder meine Zugewandtheit honoriert wurde, zu Feinden zu werden. Nicht ich zündelte, sondern andere hinterlassen die verbrannte Erde. Und das sehe nicht nur ich so.

Kurzum: da ist einfach niemand mehr.

Und dann ist da Twitter.

Ich war schon öfter mal kurz davor, Twitter aufzugeben. Wegen der Infomationsflut, die mich überforderte, wegen Anfeindungen, oder weil ich die Art, wie ich twitterte, im Nachhinein kritisch sah. Meistens brauchte ich dann nur mal eine Pause. Ein paar Stunden oder Tage ohne Twitter, ein paar gute Vorsätze und dann ging es wieder. Gestern war es mir sehr ernst. Ich war kurz davor, das soziale Netzwerk, das ich mir hier aufgebaut habe, aufzugeben.

Ja, es ist sozial und es ist mein Netzwerk. Manche Menschen nehmen nichts ernst, was mit dem Internet zu tun hat oder sehen es ausschließlich als Gefahr. Freundschaften sind jedoch nicht weniger ernstzunehmen, nur weil sie mit Hilfe des Internet entstanden sind. Gleiches gilt für Liebesbeziehungen. Meine letzte über das Internet entstandene Beziehung dauerte immerhin 14 Jahre. Sogar das Gegenteil kann der Fall sein: allein in den vergangenen zwei Jahren habe ich durch Twitter mehr Positives erleben dürfen als durch Freunde und Familie zusammen. Auch anderen geht es so.

Erst gestern äußerte sich eine Nutzerin erstaunt über den Halt, den sie durch Twitter spüren kann, nachdem sie eine schlimme Nachricht bekommen hatte. Es wird nicht weniger furchtbar, aber man fühlt sich weniger alleine. Man hat für mich gesammelt (das war nicht meine Idee und niemand wurde gezwungen!), als mich die Einsamkeit quälte und das ermöglichte mir, den Dorfhund aufzunehmen, der mir seither unheimlich viel Freude bereitet und mich zwingt, morgens aufzustehen, mit ihm an die frische Luft zu gehen und zu lachen. Es wurde auch schon für andere gesammelt. Nach dem Tod eines krebskranken Vaters und Ehemannes, um der Familie bei der Beisetzung und danach Unterstützung zu geben. Für die Veröffentlichung von Büchern oder die Entwickung eines Mini- Computers, der in Schulen eingesetzt werden soll, um Kindern IT- Themen nahezubringen und sie nicht nur zu verantwortungsvollen NutzerInnen, sondern auch zu EntwicklerInnen zu machen. Auf Twitter werden Proteste und Gegenproteste organisiert, Hilfe gesucht und gefunden, aus verschiedenen Blickwinkeln berichtet, es wird diskutiert, hinterfragt, gegeben und genommen. Die Welt schreitet voran und das auch dank Twitter und seiner NutzerInnen.
Durch Twitter fand ich meine Liebste. Es brachte mich außerdem in Kontakt mit ebenfalls an Depressionen Erkrankten, die teilweise in der Verarbeitung ihrer Krankheit bereits weiter fortgeschritten sind und deren Tweets, Geschichten und Blogs mir helfen, mich und meinen Weg zu erkennen und zu verstehen.

In den letzten Wochen dachte ich oft über Selbstmord nach. Die Gedanken wurden konkreter, ich schob sie nicht beiseite sondern dachte sie weiter. Es fühlt sich an wie eine Möglichkeit, ein Ausweg für den Fall, dass gar nichts mehr geht. Auch wegen der Interaktionen auf Twitter kann ich heute besser einschätzen, wie ernst die Lage für mich ist und was ich dagegen tun kann. Dass ich bei Weitem nicht die Einzige mit solchen und anderen depressiven Gedanken bin. Und dass es Menschen gibt, die sich tatsächlich für andere interessieren.

Twitter tut mir gut.

Jedenfalls überwiegend. Und wenn das mal anders ist, mache ich eben eine Pause. Aber ich werde mir nicht verbieten lassen, meine Gedanken und Gefühle anonym auf Twitter zu posten, wenn ich das gerade brauche und so lange ich nur das habe. Ich habe kein Interesse daran, andere Menschen durch den Kakao zu ziehen. Deswegen nenne ich keine Namen oder andere Daten. Ich werde mir keinen anderen Account anlegen und den jetzigen nicht aufgeben.

Wie ich schon mal schrieb: es geht hier ausnahmsweise mal um mich. Um niemand anderen.

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