Ich, du, er, sie und es. Ihr nicht.

Man kann sich absichtlich verbiegen, um damit ein bestimmtes Ziel zu erreichen.  Um positiv oder zumindest nicht negativ aufzufallen, um zu gefallen, um niemanden zu verletzen, zu beleidigen und aus ähnlichen Gründen. Und man kann sich verbiegen, ohne es zu merken. Weil die Regeln nunmal so sind, weil es alle so machen, weil man nicht weiß, dass es eine Welt fernab des eigenen Tellerrands gibt. Weil man sich zunächst unbemerkt verändert und die Welt drumrum nicht mit. Weil man innerhalb festgesteckter Grenzen funktionieren muss und will. 

Beides ist ungesund. In beiden Fällen erkennt eineN das Umfeld nicht mehr oder es fühlt sich angegriffen, wenn man plötzlich damit aufhört. 

Nicht mit allem kann ich aufhören. So packte ich beispielsweise gerade ein Weihnachtsgeschenk für eine Freundin ein, die sich nie über irgendwas wirklich freut. Und ich mache den Weihnachtsquatsch teilweise mit, weil es die Kinder erfreut. Anderes habe ich abgestellt. Ich hinterfrage und erkenne jetzt öfter die Versuche anderer, mich durch Reifen springen zu lassen und springe nicht. Ich lasse mir nicht ein grundlos schlechtes Gewissen einreden, wenn ich weiß, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt habe. 

Wenn man sich verbiegt, biegt man sich meist um andere herum. Man stellt andere, ihre Erwartungen, ihre Anforderungen und Ziele in den Mittelpunkt und bildet selbst nur mehr den Rahmen. 

Bis man aus eben diesem Rahmen fällt. 

Dann merkt man plötzlich, wie allein man dasteht, sobald man sich nicht mehr nur um andere dreht. Wenn man sich nicht mehr anpasst. Prioritäten werden neu gesetzt und man verweigert sich, wo man sich früher zuvorkommend gekrümmt hätte. Ganz selbstverständlich und ohne, dass es eine besondere Erwähnung wert gewesen wäre. 

Das ist eine große Umstellung. Auch für das Umfeld, das nicht versteht, dass nichts mehr wie üblich funktioniert. Da werden dann alle bisher zuverlässigen Werkzeuge gezückt, um die Fehlfunktion zu beheben: Druck, Beschimpfungen, Ausdrücke von Enttäuschung, Wutausbrüche, Beschuldigungen, Vergleiche mit umstrittenen Vorfahren, Liebes- beziehungsweise Freundschaftsentzug, üble Nachrede in Nachbarschaft, Familie und Freundeskreis, Mobbing, bösartige Unterstellungen, Kontaktabbruch, Ausschluss aus Gemeinschaften und was weiß ich noch alles. Das Umfeld behauptet dann zum Beispiel, es sei enttäuscht, andererseits hätte man das Versagen ja schon seit Langem vorhergesehen. Oder es wird behauptet, niemand leide so sehr unter der Situation wie dieses Umfeld. Niemand! 

Was das Umfeld nicht begreift: es geht nicht um diese Menschen. Ausnahmsweise dreht es sich mal nicht um sie; ausnahmsweise verbiegt man sich nicht, bildet keinen Rahmen nach ihren Wünschen und Bedürfnissen.

Es geht jetzt nicht um meine Eltern, nicht um den Rest der Familie, nicht um die Schwiegerfamilie, nicht um ehemalige Freunde und am allerwenigsten geht es um Nachbarn. Die einzigen, die mein Leben, die Trennung und meine Liebe direkt betrifft, sind meine Kinder, meine jetzige Partnerin, vielleicht noch mein Expartner und ich. Und es gibt eine weitere Abstufung: die einzigen, für deren Wohlergehen ich nämlich (mit) verantwortlich bin, sind meine Kinder. Und ich. 

Und deswegen werde ich das tun- und zwar ausschließlich!- was für meine Kinder und mich richtig und wichtig ist. Alle anderen können und müssen sich um ihre Angelegenheiten und um ihr eigenes Glück selbst kümmern. (Übrigens hätten sie- würden sie das endlich tun- wohl weniger Zeit und Anreiz, um sich über andere das Maul zu zerfetzen und den Kopf zu zerbrechen.)

Und ob meine Mutter jetzt von mir enttäuscht ist, weil ich – wie sie es natürlich schon immer wusste- meinem Versagervater zu ähnlich sei, oder ob die Vermieter beleidigt sind, weil ich mich auf eine Partnerschaft eingelassen und ein Auto gekauft habe, ohne sie vorher um ihren Segen zu bitten, das geht mir mittlerweile am Arsch vorbei. 

Kümmert Euch um Euer eigenes Glück. Lest nicht heimlich Blogs von Menschen, mit denen Ihr angeblich fertig seid und schreibt keine Prolltrollkommentare in Blogs von Leuten, die Ihr gar nicht kennt. Schreibt keine Hassmails an Familienmitglieder, die Eure Worte nicht lesen wollen, ruft nicht an und schreibt keine Briefe. Es geht nicht um Euch. Es ist nicht Euer Leben, nicht Euer Fehler, nicht Euer Verdienst. Es geht nicht um Eure Dinge, nicht um Euer Geld, nicht um Eure Erwartungen und nicht um Waschmaschinen.

Den Wert großer Worte erkennt man erst in der Stille.

Schöne Weihnachten.

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