Vorurteile, Verurteilungen und Mütter.

Mütter, die ihre Kinder beim Vater lassen. Die schon mal nicht.

So ist wohl die Meinung des überwiegenden Teils der Gesellschaft, wenn es um den Wohnort gemeinsamer Kinder nach einer Trennung geht: Kinder gehören zur Mutter. Kinder verbindet eine viel engere Beziehung zur Mutter als zum Vater. Sie leiden mehr unter der Trennung von der Mutter als unter einer vom Vater. Mütter können sich besser um die Kinder kümmern als Väter, weil. Punkt.
Ist das so? Ich bezweifele das.

Die meisten Männer dürften ebenso lernfähig sein wie Frauen. Auch Mütter müssen in den Umgang mit einem Baby, Kleinkind, Pubertier hineinwachsen. Männer mit Kindern dürften sogar bessere Berufschancen haben als Frauen. Ihnen wird es zugute gehalten, wenn sie sich um ihre Kinder kümmern. Erst Recht, wenn sie dies allein tun. Bei Frauen hingegen gilt das als möglicher Hinderungsgrund, Anzeichen für Unzuverlässigkeit; die Kindkrank-Tage werden schon vor ihrem Stattfinden als Problem erkannt. Wie, bitte sehr, soll eine alleinerziehende Mutter Beruf, Alltag und Kinderaufzucht unter einen Hut bekommen? Eine legitime Frage, die Gesellschaft und Arbeitgeber nicht den Müttern, sondern sich selbst stellen sollten. Ich beobachte, dass Männer es schaffen, weil sie mehr Hilfe von Außenstehenden angeboten bekommen. Die Familie unterstützt den aus ihrer Sicht bedauernswerten, alleingelassenen Mann, der ja benachteiligt ist, weil er keine Mutter ist – denn die haben das alles ja im Blut. Die meisten Männer verdienen obendrein mehr als Frauen und können sich leichter Ganztagsbetreuungsplätze und Babysitter leisten.

Ich will hier nicht gegen Väter bashen, ganz im Gegenteil. Die Einstellung, Frauen seien für die Kinderversorgung von Geburt an besser geeignet als Männer, ist diskriminierend und eine Frechheit, und zwar sowohl den Müttern als auch den Vätern gegenüber.
Obwohl wir uns als moderne Gesellschaft begreifen, sind gewisse Stereotype noch immer tief in unseren Köpfen verankert. Bricht jemand aus den bisherigen Regeln aus, wird er oder sie als schlechterer Mensch angesehen. Charakterlich mindestens fragwürdig. Falsch.


Denn gerade diese Ausnahmen von der Regel bestätigen doch immer wieder, wie vielen Irrtümern, Aberglauben, nicht belegbaren Glaubenssätzen wir aufsitzen. Sie zeigen, dass es sehr wohl anders geht. Sie erschüttern das eigene Weltbild, stellen unsere Überzeugungen in Frage, zwingen uns zum Nachdenken. Und deshalb werden solche Leute unbequem bis gefährlich empfunden und werden mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zurechtgewiesen: Ausgrenzung, Beschimpfungen, Diskriminierung, man macht ihnen das Leben schwer wo es nur geht und zwar aus der Gesellschaft, der Wirtschaft, dem Sozialsystem, sogar aus der eigenen Familie. Das gilt für alle denkbaren Bevölkerungsgruppen, beispielsweise  Homosexuelle, Alleinerziehende, Transsexuelle, Transgender, Menschen aus anderen Kulturkreisen, Menschen, die unübliche Lebensentwürfe leben. Was uns am verletzlichsten macht- unsere Sexualität, unsere Familie, unsere Liebe, unsere Gefühle, unsere Schwächen-, wird als Waffe gegen uns verwendet.

 

Ja, noch ist es unüblich, dass eine Mutter die Familie verlässt und die Kinder beim Vater leben. Aber es ist weder verboten noch falsch. Es gibt immer mehr Menschen unter uns, die daran arbeiten, Mauern und Denkhürden in ihren Köpfen und in denen anderer einzureißen. Letztendlich eröffnet uns das allen mehr Möglichkeiten. Und mehr Möglichkeiten zu haben bedeutet, eine größere Chance auf Glück zu haben. Und zwar für alle.

Tina zum Beispiel. Sie heißt auf Twitter @werdenundsein  und bloggt auf https://vomwerdenzumsein.com/. Tina war eine der ersten Frauen, die ich als eine Mutter kennenlernte, die sich mit ihrem Expartner darauf einigte, dass die Kinder bei ihm leben sollten. Ich bin noch heute froh über die Möglichkeit, mich mit ihr über Twitter auszutauschen. Kürzlich hielt sie einen Vortrag über Grenzen im Kopf, den ich sehr beeindruckend finde. Tinas Erfahrungen erlebe ich sehr ähnlich. Ich wünsche mir, dass Menschen, die unsere Entscheidungen nicht verstehen, ihn sich ansehen und darüber nachdenken.

 

Wie Tina, so setzten sich auch mein damaliger Partner und ich uns zusammen, um zu erkennen und zu entscheiden, was das Beste für die Kinder ist. Wie bei Tina ist der Grund dafür, dass sie bei ihm leben, der, dass sich auf diese Weise noch die geringsten Änderungen für die Kinder ergeben. Genau wie Tina ihre Entscheidung immer wieder in Frage stellt, genau wie sie darunter leidet, von ihren Kindern getrennt zu leben, so ergeht es auch mir. Und genau wie sie halte auch ich unsere Entscheidung noch immer für richtig im Sinne der Kinder. Alles andere wäre egoistisch gewesen.

Meine Familie sieht das anders.

 

Eine kleine Rückblende.

Meine Mutter wurde mit 18 schwanger, heiratete, bekam mit 19 ihr einziges Kind. Mit Anfang 20 war sie bereits geschieden. Mein Vater war unzuverlässig und sie hatte weitere Gründe, um sich zu trennen. Ich blieb bei meiner Mutter. Sie arbeitete hart und viel. Für mich bedeutete das, dass ich unheimlich viel bei anderen Leuten geparkt wurde. Nachbarn, Freunden, Tanten, Großeltern, irgendwer aus dem Dorf. So viel, dass ich mich für andere merklich veränderte. Ich äußerte keine Wünsche mehr, zog mich mehr und mehr zurück. Als ich älter wurde, waren Babysitter nicht mehr nötig; ich blieb allein. Es war nun einmal nicht zu ändern. Meine Mutter musste allein zusehen, wie wir zurecht kamen. Urlaub, neues Spielzeug, neue Kleidung, außerplanmäßige Extras gab es nicht. Wir waren froh, zu essen und das Nötige zum Anziehen zu haben. Es gab Nachhilfeunterricht nur, wenn er nicht bezahlt werden musste. Kein Sportverein, kein Musikunterricht, keine kostenpflichtigen Freizeitaktivitäten. Ich freute mich, wenn ich hin und wieder im Sommer ins Freibad gehen konnte, nachdem ich meine Pflichten im Haushalt erledigt hatte.

Meine Mutter traf Entscheidungen, von denen sie der Meinung war, dass sie gut für sie waren. Für mich bedeuteten sie fünf Schulwechsel und vier Umzüge in vier Jahren.

Es war nicht leicht, zurechtzukommen, mich immer wieder einzufügen. Ich knüpfte keine Freundschaften mehr, wirkte auf meine MitschülerInnen wohl seltsam und wurde gemobbt. Manchmal wurde ich auch körperlich angegriffen, ein Mal sogar vor einen fahrenden Bus geschubst.

Ich fühlte mich (und fühle mich noch heute) entwurzelt, doch all die Zeit über stand ich stets loyal zu meiner Mutter und machte ihr niemals einen Vorwurf. Jedem und jeder steht es zu, falsche Entscheidungen zu treffen.

Zurück zum Heute.

Meine Mutter verurteilt die gemeinsame Entscheidung des Vaters meiner Kinder und mir als meinen Fehler. Ich hätte meine Kinder im Stich gelassen, hätte es mir leicht gemacht, würde es eines Tages bereuen, wenn ich ihn und seine neue Partnerin glücklich mit den Kindern treffen würde. Hilfe für den Fall, dass ich die Kinder bei mir behalten würde, hat sie mir übrigens nie angeboten. Das hat niemand getan. Stattdessen unterstützt sie jetzt den Vater der Kinder. Ich gönne es ihm und vor allem den Kindern. Doch ich fühle mich ungerecht behandelt.

Meine Mutter wird es wohl niemals verstehen, aber vielleicht öffnen sich die Grenzen in anderen Köpfen, wenn ich mit Blick auf meine Kinder und meine Situation einerseits und mein Leben als Kind einer damals alleinerziehenden, in Armut lebenden Mutter andererseits sage: es gibt mitunter gute Gründe, warum Menschen entscheiden, wie sie entscheiden.

 

 

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