Weiblich. Lesbisch. Typisch. 

Typisch ist, wenn etwas eine verallgemeinernde Vorstellung von etwas bestätigt. 

Typisch für Verallgemeinerungen ist, dass sie nicht immer – oder sogar eher selten – zutreffen. Und auch, dass sie trotzdem immer wieder passieren. Auch mir. Auch dann, wenn es um mich selbst geht.  

In meinem letzten Beitrag erzählte ich von den vielen Fragen, die ich mir innerhalb der letzten etwa zwei Jahre stellte und teilweise noch stelle. Eine davon lautete: 

In welcher Rolle und mit welchem Bild von mir als Frau und als Lesbe fühle ich mich wohl?

Ja, was für ein Typ bin ich? Welcher Typ Mensch? Welcher Typ Frau und welcher Typ Lesbe?

Ich brauchte eine Weile, um mich selbst überhaupt als Lesbe zu definieren. In dieser an die Pubertät erinnernden Phase trug ich Erkennungszeichen wie Regenbogenbuttons und den doppelten Venusspiegel als Kette, Ring, Ohrringe, Anstecker und alles, was ich finden konnte. Es war eine Phase der Identifikation. Jetzt habe ich das nicht mehr nötig. Aber es war ein wichtiger Schritt für mich. 

Lesbisch- und wie weiter?

Ich versuchte, mich irgendwo einzuordnen. Nicht für andere, sondern ganz allein für mich selbst. Ich wollte sehen, wer ich bin. Schließlich leben wir doch heute in einer Gesellschaft, in der anscheinend danach gestrebt wird, alles und jede:n einzusortieren. Es wird vermittelt, es wird gelebt, gefördert, es erscheint nicht nur als üblich, sondern als notwendig. 

Also las ich Bücher über spätes ComingOut, lesbische Romane, entsprechende Artikel in Zeitungen und Magazinen, ich googelte typisch lesbische Begriffe wie Butch, Femme oder Tomboy, sah Filme zum Thema. Ich sah mir bewusst Frauen in ihrer vielfältigen Erscheinungsweise an, entdeckte, was mir gefällt und was eher nicht. Mochte ich an anderen eher feminines oder maskulines Auftreten und Kleidung? Was mag ich an mir? Wie sehe ich mich selbst, wie gefalle ich mir? Ich gefiel mir bisher äußerst selten selbst und nun war es an der Zeit, das zu ändern. 

An eher maskulinen Frauen entdeckte ich ebenso attraktive Eigenschaften wie an femininen. Letztere ziehen mich aber deutlich stärker an. Meine Partnerin ist wunderschön feminin. Ich selbst verorte mich eher in der femininen Gegend, spreche und bewege mich aber bei Weitem nicht so weiblich wie andere. Ich trage weder Kleider noch Röcke, schminke mich gelegentlich leicht, trage gern mal leicht erhöhte Schuhe, meist aber lieber bequeme, flache Halbschuhe oder Stiefel. Nix typisch. Meine beste Freundin sagte zu Beginn meines ComingOut-Prozesses mal, sie sei überrascht. Sie hätte mir mein Lesbischsein gar nicht angesehen. (Ich kann ihr das, was an dieser Äußerung falsch ist, nicht übel nehmen, denn sie lebt in der gleichen heteronormativen Welt, in der ich bis vor kurzem zuhause fühlte. Und vielleicht dachte ich auch nicht anders.)


Und so beschloss ich irgendwann, mich gar nicht einzuordnen. Ich bin ich. Mal feminin, mal etwas maskuliner. Mal Mädchen, mal Beschützerin. Mal geschminkt mit offenem Haarschopf, mal in Pulli mit notdürftig zusammengebundenem Zopf. Mal stark, mal schwach. Mal laut, mal leise. Immer anders. Aber immer ich. 

Gut ist es, in einer stabilen Beziehung zu leben, in der ich das alles sein kann. Und auch meine Partnerin kann all ihre wundervollen Facetten leben. Ich fühle mich bereichert, angenommen und angekommen.

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