Wege, Fragen und Antworten. 

Zu Beginn meiner Veränderung stellten sich mir viele Fragen, mit denen ich mich vorher nie beschäftigen musste. Die Antworten, die ich darauf fand oder mir viel mehr erarbeitete, bestimmten die Richtung, in die mein Leben sich entwickelt. Erarbeiten musste ich mir die Antworten selbst, und das war hart, denn ich kannte bisher niemanden, die oder der Ähnliches erlebt, gefühlt, entschieden hatte.

Soweit ist das wohl ein völlig normaler Entwicklungsprozess, der jede:n auf ihrem bzw. seinem Weg begleitet und der vermutlich bis zum Tode nicht endet; jedenfalls bei Menschen, die zu Reflexion und Enwicklung Willens und in der Lage sind. 

In Anbetracht der Tatsache, dass mein Leben geregelt war und auf soliden Beinen zu stehen schien, dass ich mit meinem damaligen Mann alles erreicht hatte, was wir beide als gemeinsames Ziel vor Augen gehabt hatten,  waren diese Fragen für mich essentiell. Sie lauteten beispielsweise:

Warum bin ich unglücklich, obwohl ich doch alles habe, was ich mir je gewünscht habe?

Warum fühle ich mich von manchen Frauen angezogen?

Habe ich ein psychologisches Problem bezüglich Freundschaften?

Hat es mit der Beziehung zwischen meiner Mutter und mir zu tun?

Würde ich mit einer Frau körperlich werden wollen? 

Was fühle ich für meinen Mann?

Was für die Frau, die mir so wichtig ist?

Kann ich nicht alles haben, was ich will? 

Was will ich eigentlich? 

Was brauche ich?

Kann ich auf das, was mir fehlt, nicht vielleicht doch verzichten, um nicht alles andere zu verlieren?

Bin ich bisexuell? Doch heterosexuell? 

Bin ich lesbisch? 

Ist das Wort „Lesbe“nicht negativ besetzt? Ein Schimpfwort gar? 

Kann und will ich mich so definieren?

Was für ein Mensch bin ich und was für eine Lesbe?

Was für eine Mutter bin ich?

In welcher Rolle und mit welchem Bild von mir als Frau und als Lesbe fühle ich mich wohl? 

Was ist für die Kinder am Besten?

 Wo sollten sie leben?

Was wünsche ich ihnen und was kann ich ihnen mitgeben bezüglich des Umgangs mit meiner Orientierung in der und durch die Öffentlichkeit?

Werden meine Kinder mir meinen Lebenswandel später übelnehmen? 

Was würden sie sich und mir später wünschen, wie ich mich hätte entscheiden sollen? 

Ist es nicht auch gut für die Kinder, wenn ich gut zu mir bin? Oder denke ich mir das alles nur aus reinem Selbstschutz schön?

Gebe ich ihnen nicht auch das Wissen mit, dass man das Recht hat, für sich selbst gut zu sorgen, auch wenn das bedeutet, eine einmal getroffene Entscheidung rückgängig zu machen? Von vorn anfangen zu müssen? Einen Rückschritt machen zu müssen, um voranzukommen?

Was bedeuten eine unglückliche Mutter und ein unglückliches Elternpaar für die Entwicklung von Kindern? 

Ich mache mich angreifbar und werde mit Sicherheit angegriffen werden. Wie entwaffne ich feindselige Mitmenschen?

Einfach zu finden waren die Antworten auf diese und ähnliche Fragen eher selten. Manche sind heute noch nicht geklärt, aus anderen ergeben sich immer wieder neue. Und manchmal drehe ich mich beim Grübeln ergebnislos im Kreis, was mich leicht in eine depressive Phase gleiten lässt, noch bevor ich es selbst bemerke. Denn ich bin selbst meine schärfste Richterin. Ich brauche gar keine Vorwürfe von Außenstehenden. Die schlimmste und verletzendste Kritik kommt immer von mir selbst. 

In solchen Situationen ist es sehr gut, eine Anwältin zu haben. Eine Person, die die Sachlage kennt, die tiefe Einblicke in Umfeld und Familienstruktur der Angeklagten hat und die Willens und fähig ist, mich vor der strengen Richterin in mir zu verteidigen. Diese Anwältin leugnet nicht die Fehler, die ich gemacht habe. Doch sie betrachtet eben auch die Gesamtsituation und erinnert die Richterin daran, mildernde Umstände zu beachten. 

Meine Partnerin ist diese Anwältin und Mediatorin und hindert mich daran, mich selbst zu zerfleischen. Wenn ich glaube, in ein tiefes Loch zu fallen, fängt sie mich auf. 

Ich weiß nicht, ob ich je eine so gute Anwältin an meiner Seite hatte und ich bin unglaublich dankbar dafür. Und ich erkenne, dass all die Fragen sich mir nicht willkürlich stellen, sondern mich zu meinem Ziel führen werden, glücklich zu sein. 

Denn darauf habe ich ein Recht. Ich habe das Recht darauf zu versuchen, glücklich zu sein. Das ist, was meine Mutter mir beibrachte und was sie mir jetzt verwehren wollen würde, wenn sie die Macht dazu hätte. Weil ich vor meinem inneren Coming Out bereits eine Familie gegründet habe. Als hätte ich mir das aussuchen können!

Hallo Mutter, ich hab da eine überraschende Neuigkeit für Dich, die Dich womöglich umhauen wird:

ich bin bei Weitem nicht die einzige Frau, der so etwas passiert! Und das war noch nicht alles: ich bin auch nicht die Einzige, die mit Mitte Dreißig ihr Leben umkrempelt. Immerhin sorge ich im Gegensatz zu bestimmten anderen Personen dafür, dass meine Kinder nicht immer wieder entwurzelt werden. Dass sie länger als ein halbes Jahr auf der gleichen Schule bleiben können und länger als ein Jahr im gleichen Ort leben werden. Sie werden als junge Erwachsene noch Bekannschaften aus ihrer Kindergarten- und Schulzeit haben. Sie werden ihren Weg gehen und in ihrem Kopf nicht die Stimme ihrer Mutter hören, die sie permanent schlecht macht, klein trampelt und ihnen Vorwürfe macht. Sie werden stattdessen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sich die Fragen in ihrem Kopf im Kreis drehen. Wenn sie mit sich und ihrem Weg hadern, dann werden sie in mir eine Anwältin haben, die ihnen helfen wird, vor ihrer inneren Richterin nicht zu zerbrechen. Sie werden ihren Weg finden und ich bin dabei. Ich werde sie begleiten, obwohl und vielleicht WEIL ich während ihrer Kindheit nicht mit ihnen im gleichen Haushalt lebte. Und WEIL ich mir das Recht herausnahm, mein Glück zu suchen, werden sie wissen, dass dieses Recht auch ihnen zusteht. 

Und darauf bin ich stolz. 

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