Wünsche, Sehnsüchte und die Verschiedenheit der Liebe. 

Meinen bald Ex-Mann habe ich sehr lange sehr geliebt. Ich fühlte mich bei ihm geborgen und bin mir noch heute sicher, dass er einer der besten Männer ist, die eine heterosexuelle Frau sich wünschen kann. Er ist verlässlich, ordentlich, gutmütig und hat viele weitere gute Eigenschaften. Wir hatten eine gute Zeit zusammen, ohne die schwierigen Zeiten ausklammern zu müssen. Ich käme nie auf den Gedanken, unsere 14 gemeinsamen Jahre als Zeitverschwendung zu bezeichnen.

Unsere Partnerschaft ging entzwei, weil seine Liebe zu mir erloschen war und auch ich kam erstaunlich leicht über ihn hinweg. Wir funktionierten zusammen, aber das reichte mir nicht. Ich fühlte mich oft ungeliebt, unverstanden, ersetzbar. Gleichzeitig in Anspruch genommen, eingesperrt und unsichtbar.

Ich weiß nicht sicher, ob ich schon immer lesbisch war und es erst so spät merkte, oder ob ich einfach, wie viele andere es auch empfinden, eine fluide Sexualität habe. Eine gewisse Tendenz zur Frauenliebe gab es im Nachhinein betrachtet schon immer. Ich fühlte mich mit Männern aber durchaus wohl. Jetzt ist es anders. Es ist nicht so, dass ich Männer abstoßend fände oder mich in ihrer Gegenwart unwohl fühlen würde. Aber Männer reizen mich nicht. Ich kann durchaus einen Männerkörper ansehnlich, ein bärtiges Gesicht hübsch finden, fühle mich aber nie körperlich angezogen.

Während meines heterosexuellen Lebensabschnitts hat mir immer etwas gefehlt. Es fühlte sich an, als hätte ich so viel Liebe in mir und ich wüsste nicht, wohin damit. Manchmal fühlte es sich an, als würde mein Herz bald platzen.

Ich dachte, wenn ich jemanden fände, der mich so sehr liebte, dass er mich sogar heiraten würde, dann wäre ich glücklich. (Wie naiv!) Dann war da der Kinderwunsch und ich dachte, mit einer eigenen kleinen Familie wäre ich erfüllt. Doch obwohl all diese Wünsche nach und nach in Erfüllung gingen, blieben da Sehnsüchte, die ich nur dürftig benennen konnte.

Erst mit der Zeit verstand ich: innigste Vertrautheit, Weichheit, eine ganz besondere Art der Nähe und ein Verständnis, das es vielleicht nur zwischen Frauen geben kann, wünschte ich mir. Jetzt habe ich es gefunden und fühle mich erfüllt, glücklich, gehalten, verstanden. Auch ich  kann verstehen, halten, geben. Ich bin nicht zu viel, nicht zu wenig. Ich darf meine Gefühle ausleben, ohne mir albern vorzukommen, mich lästig zu fühlen oder mich dadurch angreifbar zu machen.

Vielleicht liegt es nicht an der Frauenliebe insgesamt, sondern speziell an meiner wundervollen Partnerin. Auf jeden Fall habe ich endlich das Gefühl, zumindest in Liebesdingen angekommen zu sein.

Ungeoutet zu leben wäre mir unehrlich vorgekommen und kam mir nie in den Sinn. Mein Glück hätte ich auf diese Weise sicher nicht gefunden. Auch manches Unglück wäre mir und vor allem meinen Kindern erspart geblieben- zumindest vorerst. Die Ehe war ohnehin gescheitert und bis zu ihrem offiziellen Ende wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen. Trotzdem denke ich, dass mein Weg richtig und ohne ernstzunehmende Alternative war.

Kommentar verfassen