Wohin die Kraft geht.

Mir fehlt die Kraft.

Manchmal fürchte ich, ich glitte schon wieder tiefer hinein in die Depression. Ich äußere mich nicht entsprechend, weil ich nicht den einen Menschen beunruhigen will, der sich um mich sorgt. Was sollte sie auch noch mehr tun als das, was sie ohnehin schon macht? Weil mich mein gefühlt ewiges Genörgel und das viele Weinen schon selbst ankotzt – wie muss es dann für andere sein? Und weil ich weiß, dass es mir in zehn Minuten schon wieder ganz anders gehen kann. Es geht mir nicht ständig schlecht. Es gibt – zum Glück! – durchaus viele Momente, in denen ich mich (gut) fühle. In denen ich lache, glücklich bin. Jedenfalls, wenn ich manche Bereiche meines derzeitigen Lebens an den Rand meiner Wahrnehmung dränge. Momente, in denen ich Scherze mache, Lust auf Aktion habe und den Drang, kreativ zu sein.

Im Moment aber steht über allem der Kampf. Vor allem der, den andere mir zusätzlich zu dem Kampf mit mir selbst noch aufdrängen.

Wenn eine offizielle Stelle zum Beispiel behauptet, ich hätte ein wichtiges Dokument nicht eingereicht, was definitiv nicht stimmt, was ich aber nicht beweisen kann. Wenn ich mich um Dinge, die ich bereits erledigt habe, erneut kümmern muss. Wenn Unvorhergesehenes geschieht, um das ich mich kümmern muss. Dann kostet mich das unglaublich viel Kraft.

Kämpfe, die ich mir teilweise auch aufdrängen lasse, weil ich Frieden will. Ich will nicht mit meinem Nachbarn kämpfen, also zeige ich ihn (zumindest vorerst) nicht wegen seiner Drohnenflüge vor meinem Fenster und über meinem Kopf an. Ich will nicht, dass man mir grußlos und mit bösen Blicken begegnet, also nehme ich eine Flasche Wein mit und bitte den Nachbarn um ein Gespräch. (Übrigens lies man mich dann nach dem fünften Klingeln doch rein. Im Nachhinein ist es schade um den guten Tropfen und die Mühe, die ich mir gab.)  Ich will keinen Kampf mit meinen Vermietern und ehemaligen Freunden, also spreche ich sie nicht auf willkürliche Regeländerungen, die mir nicht mitgeteilt werden, an. Auf Twitter schreibe ich nur noch wenig von dem, was mich wirklich bewegt. Es wird mitgelesen und mir negativ ausgelegt werden, egal was ich schreibe. Auch das bedeutet wieder Kampf. Ich gebe mich also freundlich, unkompliziert, friedlich. Ich lösche all meine alten Tweets und twittere künftig anders. Und verlagere so den äußeren Kampf nach innen, soweit es möglich ist.

Viele dieser Kämpfe haben ihre Ursache gar nicht oder nicht allein bei mir. Trotzdem wird es mir häufig so ausgelegt. Den Gedanken, ich müsse ja selbst schuld sein, wenn plötzlich  „alle“ gegen mich seien, kann ich sogar nachvollziehen. Aber wird er mir gegenüber geäußert oder schimmert bei mir der Verdacht durch, andere könnten es so sehen, werde ich empfindlich und kann inzwischen auch mal explosionsartig über das Ziel hinausschießen. Ich fühle mich ungerecht behandelt. Ich fühle mich in die Pflicht gedrängt, den Gegenbeweis zu erbringen und muss aufpassen, mir nicht auf diese Weise weitere Kämpfe von außen aufladen zu lassen.

Widerwillig bemerke ich, dass es mir nicht egal ist, was andere über mich sagen und denken, weil ich eben schon an mehr als genug Fronten zu bestehen habe. Bestehen gegen die selbstzerstörerischen Gedanken, die mir eingepflanzt wurden und die ich immer artig gegossen habe. Die guten Gedanken als Unkraut behandelt, ausgerupft, im Zaum gehalten. Bloß nicht, dass ich mal etwas Gutes von mir selbst dächte – sowas ist sehr schädlich.

Innerlich sitze ich auf der Anklagebank, werde lautstark beschuldigt, dazu aufgerufen, mich zu verteidigen und im gleichen Atemzug wird mir das Recht und die Fähigkeit zu sprechen genommen.

Zu viel.

Meine Gesundheit nervt einfach nur noch. Ich werde ungenügend untersucht, mir wird schlecht zugehört, ich werde mit Medikamenten eingestellt. Ich muss meine eigene Ärztin sein, weil man mir sonst Medikamente gibt, von denen bekannt und dokumentiert ist, dass ich sie nicht vertrage. Mein Blutdruck, mein Restless Legs Syndrome, meine Schmerzen, meine Psyche – alles spielt verrückt. Ich möchte arbeiten, möchte leben, möchte ERleben, möchte mich selbst wert fühlen, möchte kreativ sein. Zeichnen, schreiben, fotografieren, musizieren, lesen. Mich bilden.

All das möchte ich. Aber allzu oft fehlt mir die Kraft.
Es kostet mich Kraft, aufzustehen, den Hund und mich zu versorgen, vor die Tür zu gehen, nicht zu weinen, doch zu weinen. Mir fehlt die Kraft, mich zu beeilen, ausreichend zu denken, mich zu entscheiden, was ich mit meiner wenigen Kraft am Sinnvollsten anfange.

Es kostet mich Kraft, mich nicht auch noch zu verlieren. Denn alles andere habe ich bereits verloren.

Und doch geht es weiter.

1 thought on “Wohin die Kraft geht.

Kommentar verfassen