Keine Toleranz.

Ich will keine Toleranz.

Nein, denn es genügt mir nicht, wenn ich darum betteln muss, dass jemand meinen Lebensentwurf duldet oder erträgt. So nämlich ist die Bedeutung des Wortes „tolerieren“.
Ich will Akzeptanz, und zwar ohne dafür meine besondere Eignung nachweisen zu müssen. Ohne meinen „Fehler“ an anderer Stelle durch besonderen Einsatz, außergewöhnliche Fähigkeiten oder einen ganz besonders edlen Charakter ausgleichen zu müssen.

Bleib unverheiratet. Entscheide dich für oder gegen Kinder. Geh ins Kloster. Lebe dein Leben als Single. Gehe ins Ausland. Erlerne einen besonders gefährlichen Beruf. Tu, was dich glücklich macht- es wird akzeptiert. Vielleicht wundert man sich oder stellt fest, dass diese Wahl (so es denn eine bewusste Entscheidung ist) nicht jedeN glücklich machen würde. Aber es muss ja auch nicht jedeR so leben, also- was soll´s?

Wohl kaum jemand, der einen anderen als den üblichen heterosexuellen Lebensentwurf lebt, muss sich so sehr erklären und wird so in seiner Existenz, seinen Rechten, seinem Charakter, seiner Berechtigung in Frage gestellt wie LGBTI*- Menschen. Nur Menschen, die sich anders als ausschließlich heterosexuell definieren. Die müssen um Toleranz betteln, kämpfen und winseln für gleiche Rechte. Mit gleichen Pflichten ist man da schon schneller.
Ich habe den direkten Vergleich, denn ich definierte mich bis vor kurzem als ausschließlich heterosexuell, lebte zwischen heterosexuellen Menschen ein heterosexuelles Leben mit Mann, Kindern, Haus und Hund und all der heteronormativen Kackscheiße. Ich denke, ich darf mich so weit aus dem Fenster lehnen. Da war die Akzeptanz meines Lebens sowas von normal, dass jedeR, der oder die es in Frage gestellt hätte, als verrückt abgestempelt worden wäre.
Jetzt, wo ich mit einer Frau zusammenlebe, weil es mich glücklich macht, spüre ich die Ewartungshaltung mancher, ich möge doch bitte angesichts ihrer Toleranz Tränen der Dankbarkeit ob ihrer Großzügigkeit, mich und meinen Lebensentwurf zu dulden, verdrücken und ab sofort bitte weniger aufallen.

Und obwohl ich mir bewusst darüber und froh bin, dass ich in einem relativ fortschrittlichen Land offen lesbisch leben darf, ohne von staatlicher Stelle aktiv gedemütigt, gefährdet, bestraft, gejagt, gefoltert oder getötet zu werden, sehe ich es nicht ein, dafür vor der heteronormativen Umwelt auf die Knie zu fallen. Ich schade niemandem, indem ich meine Freiheit in Anspruch nehme und mein Leben lebe. Auch versuche ich nicht – im Gegensatz zu anderen – den Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben und was sie glücklich zu machen hat. Ich nehme niemandem etwas weg. Niemand darf weniger lieben, weniger glücklich sein, sein Leben weniger so leben wie er oder sie es sich wünscht, nur weil ich es auch darf.

Diese Gesellschaft hat es anzuerkennen, dass manche ihr Leben anders leben als die meisten anderen, so wie ich anerkenne, dass andere ihr Leben anders leben wollen als ich meins. Anerkennen, das ist eine der Bedeutungen des Wortes „akzeptieren“. Die Freiheit, die auch alle anderen für sich in Anspruch nehmen, nämlich zu tun, was sie glücklich macht, die beanspruche ich auch für mich. Unabhängig von meiner Sexualität. Ich bettele nicht darum, ich flehe nicht, ich beanspruche sie.

Die Gesellschaft muss ertragen, dass es Unterschiede zwischen Menschen gibt. So wie nur kranke Familien daran zerbrechen, dass eine von ihnen einen anderen als den üblichen Weg geht, so geht nur eine kranke Gesellschaft daran kaputt, dass Menschen ihre im Grundgesetz garantierte Freiheit auch tatsächlich leben.

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