Vorurteile, Verurteilungen und Bisexualität. 

Liebe Lesende,

in meinem Beitrag Freundschaft, Liebe und andere Leute.  berichtete ich von Reaktionen anderer auf meine Suche nach meiner sexuellen Identität und bat um Eure Rückmeldungen in Form von Mails, Kommentaren oder – wie auch immer.
Heute bekam ich die erste. Ich freue mich unheimlich darüber und hoffe auf weitere Wortmeldungen.

Michèle schrieb folgendes:

Liebe „Extremotion“

Ich weiss nicht, ob ich Dir irgendwann im Netz von meiner „sexuellen Biographie“ erzählt habe und wenn ja, wie ich es tat. Da du in deinem Blog nun fragst: voilà.

Bis vor 3 Jahren habe ich mich den Identitäten mehr oder weniger verweigert.
Das heißt ich lebte und liebte mit Männern und Frauen, meist abwechselnd, manchmal gleichzeitig. auf die unendlich vielen Fragen nach der sexuellen Identität bzw Zugehörigkeit, habe ich meist unangenehm berührt damit geantwortet, dass die Liebe hinfällt, wo sie hinfällt. Ausser, ich lebte und liebte mit Frauen, in längeren Beziehungen. Dann outete ich mich, ohne nachzudenken, als lesbisch und im besten Fall: als Femme.

In Beziehungen mit Männern outete ich mich gar nicht. ein Outing als Hetera fand nie statt.
Die Bezeichnung „bisexuell“ lehnte ich kategorisch ab! Und das, obwohl es mir oft genug entwertend und verurteilend unterstellt wurde. oder eben gerade deswegen.
Insbesondere während meinen langjährigen Liebesbeziehungen zu Frauen als HIV-positive Frau. Denn: In unzähligen Momenten hab ich erlebt wie bisexuelle HIV-positive als „DIE Schuldigen“ für die Verbreitung des Virus in der Frauenszene angefeindet wurden/werden. Wider besseren Wissens, d.h auch klar wider wissenschaftliche Erkenntnisse zu Übertragung etc.
Nun, im 2013 stolperte ich dann über einen Text von @Freddy2805 auf queer.de. Ich bin ihm sehr dankbar für diesen Augenöffnertext... den Text, der mich überrumpelte und mich mich selbst ertappen liess.

Der Text handelte über Vorurteile, Binnendiskriminierungen etc gegenüber Bisexuellen. Beim Lesen wurde es mir heiss und kalt, ich hab geheult und den Kopf geschüttelt. Wie gross war meine Verwunderung über mich selbst.
Seit ich mit der Diagnose HIV* lebe, lebe ich offen und öffentlich. Coming-out ist kein unbekanntes Land für mich. Und doch musste ich feststellen: ich habe mein eigenes Coming-out als Bisexuelle über Jahrzehnte verhindert. Und zwar aus Angst vor Vorurteilen, Entwertungen und Binnendiskriminierung.
Der Text von Freddy war extrem heilsam.
Heute oute ich mich, meist ungefragt, insbesondere in der LGBTIA*-communities, gerade um mich gegen die Binnendiskriminierung zu postionieren und obendrauf in den HIV-communities ( Schnittstellen sei Dank!), denn dort werde ich nach wie vor und viel zu selbstverständlich als Hetera gehandelt.
Ja, ich lebe seit 13 Jahren in einer Liebesbeziehung mit einem Mann. Und trotzdem: ich bin bisexuell.
Ich bin erleichtert, seit ich vor mir selber es benennen kann und nun auch nach Aussen. Da macht mich ruhiger und klarer.
Den Sprüchen, die ich zu Bisexualität einheimse, ob nun direkt an mich gerichtet, oder als allgemeine Verunglimpfung von Bisexuellen, kann ich nun offen begegnen und es fühlt sich nur richtig an.
Kurz: Nach einem langen Weg von sexueller Biographie fand ich nun auch noch hin zu sexueller Identität.
Ich hab beides, wie alle wahrscheinlich. Und das ist – für mich- gut so.

Herzgruss
Michèle

 

 

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