Freundschaft, Erwachen und Coming Out.

Es war meine beste Freundin, in die ich mich vor inzwischen fast drei Jahren verliebt hatte. Ich liebte sie so sehr, dass ich nicht mehr an meinen inneren Scheuklappen vorbei kam und meine Gefühle endlich aus dem Unterbewusstsein heraus an die Oberfläche treten mussten. Es wurde auch Zeit dafür. Ich war dabei, an mir selbst zu zerbrechen.

Bereits 4 Jahre zuvor war ich in eine Frau verliebt gewesen. Und obwohl ich schon teilweise recht klare Gedanken diesbezüglich hatte, drang nicht in mein Bewusstsein, dass es sich um mehr als um freundschaftliche Zuneigung handeln könnte. Sie war meine Chefin und wir waren dabei, eine über berufliche Dinge hinausgehende Beziehung zu entwickeln. Freundschaftlich, das dachte ich jedenfalls. Im Nachhinein könnte ich mir vorstellen, dass auch sie mehr als das empfunden haben könnte. Irgendwann distanzierte sie sich von mir. Vermutlich, weil ich ihr nicht geben konnte, was sie wollte. Ich war verheiratet, schwanger und offensichtlich blind. Kurz darauf trennten sich auch unsere beruflichen Wege. Es schmerzte jahrelang. Und wenn ich noch weiter zurückdenke, in mein frühes Erwachsenenalter und meine Jugend, war ich immer wieder mal an Frauen interessiert gewesen.

Nur – warum habe ich es nicht gemerkt?
Möglicherweise war ich zu sehr damit beschäftigt, zu funktionieren. Als einziges Kind meiner alleinerziehenden und meist berufstätigen Mutter war das wichtig. Mir wurde eingeprägt, dass ich möglichst gar nicht, zumindest aber nicht negativ auffallen dürfe, denn das fiele dann auf meine Mutter und auf das Nichtvorhandensein meines Vaters zurück. Und das könne ich doch nicht wollen. Ich war also damit beschäftigt, so zu tun, als existiere ich gar nicht, um bloß niemanden zu belästigen.

Mit Homosexualität hatte ich nie Probleme gehabt. Ich wurde nach dem  Grundsatz, dass alle Menschen gleich wertvoll sind und eine respektvolle Behandlung verdient haben, sehr offen erzogen. (Dass meine Mutter mir das zwar vorlebte, nun aber auf mich nicht anwendet, steht auf einem anderen Blatt.) Jedenfalls sah ich mich als „Homo- Unterstützer“, trat für die Ehe für alle ein, hatte lesbische Freundinnen. Ich vertrat die Ansicht, dass jeder glückliche Mensch eine Bereicherung für die Welt ist und es keine Rolle spielt, auf welche Weise das erreicht wird. Nur darauf, dass es mich selbst betreffen könnte, war ich niemals auch nur im Entferntesten gekommen.

Wegbereitend für mein „Erwachen“ scheint die Ehekrise gewesen zu sein, die meinem inneren Coming Out vorausging. Ich hatte gespürt, dass unsere Beziehung zu zerbrechen drohte, fühlte mich micht mehr geliebt und sah meine diesbezüglichen Sorgen nicht ernstgenommen. Mein Mann sagte offen, dass er nicht Willens oder in der Lage war, Energie in unsere Ehe zu investieren. Ich hingegen sehnte mich nach Nähe, die über Körperliches hinausging. Nach Zuneigung, Milde, Weichheit, Verstandenwerden und Verstehen, nach Gemeinsamem. Teilweise fand ich das in meiner besten Freundin. Und dann verliebte ich mich neu.

Ein Jahr lang kämpfte ich mit mir, wankte zwischen „ich bin bisexuell“ und „nein, auf keinen Fall- es ist eine Psychomacke“. Als dann vielsagende Träume und immer größere gefühlte Einsamkeit dazu kamen, war ich mir sicher.

Vor dem Outing vor meiner Freundin hatte ich große Angst. Sie war mir unheimlich wichtig. Ich liebte sie auf vielen Ebenen. Und im Zweifelsfall war mir die Freundschaft wichtiger als die Liebe. Ich wollte sie auf gar keinen Fall verlieren!
Wöchentlich trafen wir uns zum Sport. Woche für Woche eierte ich innerlich um die richtigen Worte herum und schwieg am Ende doch.
Bis es nicht mehr anders ging. Ich musste dieses Gedankenkreisen beenden. Die Sicherheit einerseits, dass sie meine Gefühle garantiert nicht erwidern würde und andererseits die Träume von dem, was hätte möglich sein können. Ich brauchte Sicherheit – wenigstens in mir und dieser einen Sache.

Wir liefen gerade wieder Stöcker schwingend durch den Wald, als ich unvermittelt anhielt und ihr sagte, dass ich ihr etwas mitteilen müsste. Sie drehte sich zu mir um, schaute mich erwartungsvoll an und drängelte, als ich mit mir kämpfte: „Nun raus damit!“
„Ich glaube, ich bin bisexuell“ stieß ich hervor. Und es fühlte sich an, als würde die Welt abrupt stehenbleiben und das Trägheitsmoment auf meinen Körper wirken.
„Hmm. Und du liebst mich ganz doll, stimmt´s?“ Ich konnte nur nicken.
„Na, endlich kommst Du mit der Sprache raus. Ich weiß das schon seit einem Jahr. Nun komm, lass uns endlich weitergehen.“

Als ich mich einigermaßen beruhigt hatte und die Tränen aus meinem Gesicht gewischt waren, erklärte sie mir, dass sie mich auch liebte, „aber nicht so“. Meine große Sorge um unsere Freundschaft, weil wir uns womöglich nicht mehr so offen über unsere Körper, BH´s, Liebe und alles Mögliche unterhalten könnten; die Angst, dass ich eventuell unbeabsichtigt Grenzen überschreiten würde, die ihr erst mit dem Wissen um meine Liebe zu ihr wichtig wären, teilte sie nicht. Ihr war nur wichtig, dass wir uns weiterhin noch über andere Dinge unterhalten könnten und unsere Gespräche nicht fortan nur noch aus Problemen rund um meine Gefühle für sie bestehen würden.

Es dauerte noch ein paar Wochen, bis ich mich wirklich entspannen konnte. Ich gab ihr sozusagen ihren Teil der Verantwortung für das Fortbestehen unserer Freundschaft zurück, indem ich ihr sagte, dass ich mich auf sie verlassen würde. Ich würde mich auf ihr Wort verlassen und darauf, dass ich ihr wirklich so wichtig bin, wie sie gesagt hatte. Darauf, dass sie die schwere Zeit, die jetzt vor mir läge, mit mir gemeinsam durchstehen und mich nicht fallen lassen würde.

Und so kam es dann auch. Sie stand und steht zu mir. Wir gehen sehr offen miteinander um, unterhalten uns nach wie vor über Intimstes, sind Vertrauenspersonen. Bis ich eine Partnerin hatte war sie die Person, die ich als zu informierenden Kontakt in Krankenhäusern angeben durfte. Ich vertraute ihr an, wo ich den Brief verwahre, den ich meinen Kindern schrieb und den ich ihnen geben werde, wenn sie alt genug dafür sind. Sie versprach mir, dafür zu sorgen, dass sie ihn bekommen. Nur für den Fall, dass ich es nicht mehr selbst tun kann. Ich kämpfte lange gegen meine intensiven Gefühle an. Aber diese Freundschaft war es mir wert. Und wir haben das gemeinsam durch- und überstanden, denn auch für sie war es nicht immer einfach. Sie sah, wie ich litt, fragte sich, ob sie den Kontakt mir zuliebe abbrechen sollte, meldete sich seltener, um mich nicht leiden zu lassen, sah sich als Auslöser für meine Krise.
Jetzt ist sie neben meinen Kindern und meiner Partnerin die wichtigste Person in meinem Leben. Diejenige, die zu mir hielt, auch wenn sie nicht immer gut fand, was ich machte. Diese Krise hat unsere Freundschaft nicht beendet, sondern gestärkt.

Ich liebe sie noch immer. Vieleicht sogar noch mehr als damals. Aber nicht mehr „so“.

Danke!

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