Freundschaft, Liebe und andere Leute.

Ich hatte schon mal einen Blog, früher. Früher, das heißt „in meinem früheren Leben“.
Ich bloggte über Politik, Atommüll, Alltägliches. Und über Freundschaft. Jedenfalls dachte ich damals, meine Gefühle für bestimmte Frauen wären freundschaftlicher Natur gewesen. Ich hörte auf, darüber zu bloggen, als mir langsam die mich erschreckende Erkenntnis ins Hirn tropfte, es könnte sich eventuell gar nicht um Freundschaft, sondern um Liebe handeln.

Natürlich ist Freundschaft in vielen Fällen eine Variation von Liebe. Aber Schmetterlinge im Bauch, permanentes Denken an eine bestimmte Person, quälende Sehnsucht und Sorge um jemanden, das ist dann doch schon mehr.

Lesbisch konnte ich unmöglich sein, fand ich, denn ich liebte ja meinen Mann. Also verstand ich mich zunächst als bisexuell und nach den ersten Outings in meinem persönlichen Umfeld outete ich mich auch im Netz entsprechend. Meine Güte, wie mich die Nachfragen nervten, ob ich völlig fremden Paaren für einen Dreier zur Verfügung stünde!

Bisexualität, liebeR fachfremdeR LeserIn, bedeutet mitnichten, dass eine Person auf Sex mit zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts gleichzeitig, auch „Dreier“ genannt, stünde. Es heißt lediglich, dass sie sich bei der PartnerInnenwahl nicht auf ein bestimmtes Geschlecht festlegt- sondern sich unabhängig von deren Genitalien in andere Menschen verlieben kann. Aufgrund vieler anderslautender Veröffentlichungen finde ich es wichtig, das hier einmal mehr ins Netz zu stellen.

Als Agnostikerin vertrete ich die Ansicht, dass ein offener Mensch, der nicht wahrhaftig in die Zukunft sehen kann, nie ausschließen kann, sich in eineN VertreterIn des bisher nicht bevorzugten Geschlechts verlieben zu können. Folgerichtig müssten wir uns vielleicht alle als bisexuell verstehen und könnten uns – falls überhaupt – am Ende unseres Lebens erst im Nachhinein festlegen.

Nach der Trennung im gegenseitigen Einvernehmen kam ich erstaunlich schnell über meinen Mann als Partner – nicht als besten Freund – hinweg und mir wurde bewusst, dass ich mich während der 14 Jahre unserer Beziehung niemals für einen anderen Mann interessiert hatte. Auch aktuell begegne ich keinem männlichen Vertreter unserer Spezies, der mich auf eine andere Weise als ausschließlich freundschaftlich ansprechen würde. Ich verstehe mich als Lesbe und oute mich auch entsprechend. Ich habe nichts gegen Männer – als Freunde, als Gesprächspartner. Aber als Partnerin kann ich mir nur noch eine Frau vorstellen.
Im Laufe des letzten Jahres sprach und schrieb ich mit vielen Menschen über diese persönliche Entwicklung. Einige konnten nicht nachvollziehen, wie ich erst mit Mitte 30 bemerken konnte, dass ich lesbisch bin. Vor allem meine Mutter wunderte sich, ob ich „es“ denn nicht als Teenager schon mal „ausprobiert“ hätte. Nein, hatte ich nicht und ich war niemals auch nur auf die Idee gekommen, dass Homosexualität mich persönlich betreffen könnte. Vielleicht war ich zu sehr damit beschäftigt, zu funktionieren und mich nicht kaputtmachen zu lassen. Eher hätte ich meine Mutter oder meinen Mann für homosexuell gehalten, als mir über mich selbst Gedanken zu machen. Ich sah mich stets nur als Unterstützerin.

Erstaunlich viele Frauen erzählten mir direkt nach meinem Outing, sie hätten bereits Ähnliches erlebt, seien mal in eine Frau verliebt oder gar mit ihr zusammen gewesen oder könnten sich so etwas zumindest für sich vorstellen. Ein paar meiner Gesprächspartnerinnen leben mehr oder weniger offen bisexuell, eine lebte jahrelang in Dreierbeziehungen. Männer äußerten sich mir gegenüber selten entsprechend, es sei denn, sie leben offen schwul. Nur ein einziger Mann erzählte mir von seiner Bisexualität. Möglicherweise liegt es einfach daran, dass ich zufällig mehr mit Frauen als mit Männern kommuniziere. Diese Gespräche mit anderen, nicht selten anonymen Menschen halfen mir sehr, festzustellen, dass ich nicht allein in diesem Thema bin. Dass andere Ähnliches erlebt haben, dass das Leben weitergeht, dass ich keine Aussätzige bin.

Vielleicht kann mein Blog Ähnliches für andere tun. Vielleicht kann er Mut geben, den Horizont erweitern. Anderen- aber auch mir. Denn immer wieder mal stehe ich kurz davor, den Mut zu verlieren, obwohl ich inzwischen ja schon so viel weiter bin.

Deswegen wünsche ich mir, mehr von Euch zu erfahren, entsprechende Zuschriften von Menschen zu bekommen, die etwas zu diesem Thema beitragen können und möchten. Zuschriften, die ich entweder als Zitat oder verkürzt in meinen eigenen Worten hier wiedergeben darf. Ob anonym oder nicht, unter Pseudonym, mit Initialen – ganz wie Ihr wollt – und am Liebsten als Mail, damit ich einen eigenen Blogpost daraus machen kann und diesen kurzen oder längeren Geschichten den Platz geben kann, den sie brauchen.

Was Ihr erzählen möchtet sendet mir bitte an Admin [ at ] queergerade [dot] de.

Ich würde mich unendlich freuen!

 

Nachtrag: inzwischen trudeln nach und nach einige Wortmeldungen ein, die ich in der Kategorie „…Eure Reaktionen“ sammeln und nach und nach veröffentlichen werde.

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