Sex und Reue.

Als meine Familie und die Familie meines Ehemannes von der bevorstehenden Trennung wussten und über den vermeintlichen Grund, meine Liebe zu Frauen, informiert waren, meldete sich meine Mutter zu Wort. Wohl um mir Verstand einzubläuen.

Ich würde es eines Tages zutiefst bereuen, sagte sie mir voraus, dass ich meinen Mann und die Kinder verlassen hätte, nur um meiner ohnehin nicht ausgelebten Sexualität willen. Ich würde es schmerzlich bereuen, wenn ich auf der Straße meinen dann Ex- Mann träfe, Hand in Hand mit seiner neuen Partnerin und den Kindern, offensichtlich glücklich.

Das musste ich mir eine Zeit lang auf der Zunge zergehen lassen, um es insgesamt zu verstehen.

Reue ist, laut Duden,

„tiefes Bedauern über etwas, was nachträglich als Unrecht, als [moralisch] falsch empfunden wird“.

Was ich getan habe, war kein Unrecht. Ich verstieß gegen kein Gesetz, verletzte niemanden absichtlich oder grob fahrlässig, vernachlässigte keine Pflicht, handelte nicht unmoralisch.
Alles, was ich tat, war, meinem Mann und mir die Chance zu verschaffen, glücklich zu werden, indem ich aussprach, was mir zu schaffen machte; nämlich meine unerfüllte Sehnsucht nach einer Frau an meiner Seite.
Mein Mann ist da anscheinend eher ein passiver Mensch. Aus eigenem Antrieb hätte er sich vermutlich noch lange nicht von mir getrennt. Nach der Trennung sprach er endlich offen aus, dass er mich eigentlich schon länger nicht mehr liebte. Es war also sein und mein Glück, dass ich den Mut hatte, die Trennung einzuleiten.

Und was heißt eigentlich „nur meiner ohnehin nicht ausgelebten Sexualität“ wegen?
Ist denn nur Sex der Grund, mit einem Partner oder einer Partnerin zusammen sein zu wollen?
In meiner heterosexuellen Vergangenheit war das jedenfalls nicht der Fall. Wäre das so, gäbe es wohl keine Ehen, ob wilder oder geschlossener Natur. Dann fragte sich die Welt vermutlich, warum gleich die ganze Kuh kaufen, wenn eine/r einen Becher Milch trinken will. Unglückliche Partnerschaften gäbe es möglicherweise nicht, denn Gefühle hätten in solchen sexorientierten „Beziehungen“ eher nichts zu suchen.

Nein, es ist nicht „nur der Sex“. Welch halbgares, typisches (?) Hetero- Denken!
Als würden sich Homosexuelle bewusst für das gleiche Geschlecht entscheiden, weil sie den Sex mit dem anderen als zu langweilig empfänden.
Eine Liebe findet doch nicht nur auf der genitalen Ebene statt, weder bei Heterosexuellen noch bei LGBTI*. Es ist das Fühlen, das Denken, das gemeinsame Erleben, das Sich- kennen, das Miteinander-Reden, das Miteinander- Leben. Und da bin ich mit meiner Freundin sehr glücklich.

Weshalb geht meine Mutter davon aus, dass ich meine Sexualität ohnehin nicht ausleben würde? Ich fragte nicht nach, sie erklärte es mir nicht. Ich war zu verdutzt ob dieses Angriffs und da ich heute keinen Kontakt mehr zu meiner Mutter suche, bleibt mir nur die Interpretation.
Bin ich es ihrer Ansicht nach nicht wert, geliebt zu werden? Bin ich menschlich dermaßen minderwertig, dass klar ist, dass ich niemals eine Partnerin finden werde? Hält sie mich für zu feige, um auf Frauen zuzugehen? Glaubt sie, es gäbe zu wenige Lesben auf der Welt, als dass auch ich eine Frau an meiner Seite haben könnte?

Wie dem auch sei: sie liegt offensichtlich falsch.

Richtig liegt sie nur damit, dass es für mich oft nicht leicht ist, von den Kindern getrennt zu sein. Das ist allerdings auch eine Tatsache, die ich nie bestritten habe. Ja, es ist hart, nicht mehr alles mitzubekommen, was im Kindergarten oder im Freundeskreis passiert, viele Entwicklungen nur verzögert zu beobachten. Mit dem Vermissen zu leben. In dem Wissen, dass auch umgekehrt meine Kinder mich vermissen.

Aber ich bin da, wenn sie mich brauchen.
Meine Tochter ist mit 5 Jahren inzwischen alt genug, viele ihrer Bedürfnisse und Sorgen zu äußern und ihr Vater ist wirklich ein Prachtexemplar, was das Bemühen um ihr Wohlergehen angeht. So telefonieren wir, schicken uns Fotos oder Sprachnachrichten, die Kinder übernachten gelegentlich bei mir oder wir verbringen einzelne Nachmittage zusammen. Ich engagiere mich im Kindergarten und bin erste Ansprechpartnerin, wenn ihr Vater einen Babysitter braucht.

Ich muss mir kein schlechtes Gewissen einreden lassen. Dafür hinterfrage ich mich selbst häufig und kritisch genug. Im Gegensatz zu meiner Mutter übrigens, die mich in meiner Kindheit „nur wegen der Liebe (?)“ immer wieder entwurzelt hat und sich anscheinend dennoch für völlig fehlerfrei hält. Hier finden offensichtlich zweierlei Maß Anwendung.
Meinen Kindern geht es gut bei ihrem Papa. Er ist ein guter Vater. Sie haben einen besseren Start ins Leben, das den Menschen schon heute so viel abverlangt. Ein schlechtes Gewissen müsste ich haben, hätte ich die Kinder aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen, weg vom Vater und dem Rest der Familie. Müssten sie mit mir von Sozialleistungen leben, wäre das egoistisch von mir. Wäre ich mit ihnen 300 km Richtung Osten zu meiner Partnerin gezogen, dann müsste ich ein schlechtes Gewissen haben.
Stattdessen verzichte ich auf die Kinder, auf ehemals gemeinsame Freunde, auf Familie, auf gemeinsam angeschaffte Möbel, auf Miete, auf Unterhalt. Gratis bekomme ich nur Verachtung, Vorwürfe, Schuldzuweisungen, wurde von meiner Mutter als „Schnorrer“ beschimpft. Das Recht auf mein eigenes Glück wird mir von vielen abgesprochen.

Doch so funktioniert das Leben nicht. Nicht einmal das einer Mutter, die in unserer romantischen und zugleich wirtschaftlich nützlichen Vorstellung der Mutterschaft doch voll und ganz damit ausgefüllt zu sein hat, Mutter sein zu dürfen.

Jemand, der nicht gut für sich sorgt, kann auch nicht gut zu anderen sein.
Ich sorge jetzt für mich. Endlich mal. Mein ganzes Leben lang ging es immer nur um andere, war ich allenfalls schmückendes Beiwerk, das zu funktionieren und sonst nicht weiter aufzufallen hatte.
Wenn ich jetzt bei meinen Kindern bin, kann ich das voll und ganz sein. Ich kann entspannt sein, liebevoll, mit ihnen Quatsch machen, mir ihre Sorgen anhören, mich für sie einsetzen. Und ich hoffe, dass sie mich nicht verurteilen werden, wenn sie alt genug sind, um zu verstehen, dass ich so lange auf der Suche war.

Auf der Suche nach mir selbst.

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